Wie christlich ist die EU?

von Bernd Posselt

Immer häufiger wird in der öffentlichen Debatte zwischen einem geistig-kulturellen Europa, der politischen Einigungs-idee und angeblich völlig geistlosen EU-Institutionen unterschieden. Der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland verficht ein ganzheitliches Europabild, in dem Wurzeln und Früchte zusammengehören.

Eine Welt ohne Gott ist eine Welt ohne Hoffnung. Verzweiflung blockiert die Vernunft. ... Der Tod Gottes könnte durchaus den Tod des Menschen einläuten.“ Diese klaren Worte stammen nicht von einem Philosophen oder Theologen, sondern von einem Europapolitiker: Herman van Rompuy, dem ersten EU-Ratspräsidenten, seit dieses europäische Spitzenamt durch den Lissabonner Vertrag geschaffen wurde. Schon 1990 vertrat er in seinem Buch „Christentum und Moderne“ die Ansicht, ein geistliches Defizit hindere „die Gesellschaft oft daran, etwas Großes in Angriff zu nehmen. Wer von einer fundamentalen Hoffnung getragen wird, ist im Alltag aktiver und flüchtet sich nicht in Gedankenkonstrukte. Glaube schenkt Optimismus. Der Christ weiß, daß alles, was er hier unternimmt, eines Tages an anderem Ort vollendet werden wird“, so der belgische Christdemokrat, der vielfach zu unrecht als blasser Technokrat eingeschätzt wird.
Fast alle großen Vorkämpfer und Erneuerer des europäischen Einigungsprozesses, der immer wieder Krisen durchmachte, aber stets weiter in die richtige Richtung verlief, waren gläubige Christen – vom christdemokratischen Gründervater der Sechsergemeinschaft wie der heutigen EU, Robert Schuman, dessen Seligsprechungsprozeß im Vatikan nunmehr nahezu abgeschlossen ist, bis hin zum großen sozialdemokratischen Kommissionspräsidenten Ende des 20. Jahrhunderts, Jacques Delors, der eine 25jährige Eurosklerose überwand, vom nüchternen rheinischen Katholiken Konrad Adenauer bis hin zu Papst Johannes Paul II., der entscheidend dazu beitrug, den Eisernen Vorhang niederzureißen. Sie alle standen in der Tradition des Paneuropa-Gründers Richard Coudenhove-Kalergi, der schon in den zwanziger Jahren ein Kreuz ins Zentrum des Wahrzeichens seiner Bewegung setzte.
Diese Tatsachen wurden und werden teilweise mißverstanden und teilweise verdrängt. Die christdemokratisch geführte EWG der fünfziger Jahre roch vielen Sozialisten und Sozialdemokraten, aber auch etlichen Liberalen zu sehr nach Weihwasser, und sie diffamierten sie als „klerikales Kartell“. Erst herausragende Europäer aus ihren Reihen wie der deutsche Paneuropäer Paul Löbe, Carlo Schmid, der zu den Vätern des Grundgesetzes zählte, der belgische Prem-ierminister Paul-Henri Spaak und der auf der äußersten Linken angesiedelte Föderalist Altiero Spinelli versöhnten sie wieder mit dem europäischen Gedanken, dem sich viele von ihnen bereits in den zwanziger Jahren verschrieben hatten, der aber jetzt als antikommunistische Ausgeburt des Kalten Krieges galt.
Das Verdrängen begann später: Die EG beziehungsweise EU sollte nur noch ein neutrales Institutionengefüge sein, das mit Kultur und Glauben nichts zu tun hat. Selbstverständlich gibt es kein christliches oder gar christdemokratisches Monopol auf Europa, wie auch beileibe nicht alle EU-Bürger Christen sind. Doch ließe sich die europäische Einigung ohne Persönlichkeiten wie die genannten denken, oder auch ohne diese Namen: Alcide de Gasperi, Charles de Gaulle, Leo Tindemans, Otto von Habsburg und Helmut Kohl, bis heute der einzige Ehrenbürger Europas? Waren nicht weite Teile des grenzüberschreitenden paneuropäischen Widerstandes gegen den Kommunismus und die Teilung Europas aus christlicher Wurzel entstanden, wenn auch oftmals auf eine undogmatische Weise, wie sie Václav Havel verkörperte?
Sowohl an der Bildung eines übernationalen europäischen Bewußtseins als auch an der Schaffung supranationaler demokratischer Institutionen und am Fall des Eisernen Vorhanges haben die christlichen Kirchen, haben christlich geprägte Bürger und christlich orientierte Politiker entscheidend mitgewirkt, allerdings nicht nur sie.
Die zeitweilige Ablehnung des europäischen Projekts durch die SPD in den fünfziger Jahren hatte einen Franz Josef Strauß so sehr negativ beeindruckt, daß er noch 1979, als sich das Blatt auch auf der Linken endgültig zur pro-europäischen Seite gewendet hatte, die Sozialisten „europapolitische Erbschleicher“ nannte.
Die Liberalen zerfielen in der ersten Legislaturperiode des direkt gewählten Europaparlamentes 1979-1984 in einen pro-europäischen und einen dezidiert nationalstaatlichen, ja sogar europaskeptischen Flügel. Heute sind die meisten von ihnen vehement pro-europäisch, allerdings in einem radikal laizistischen und christentumskritischen Sinn. Die Grünen begannen ihre politische Karriere auf EU-Ebene 1984 ebenfalls mit einer stark ausgeprägten Skepsis gegenüber der weiteren Integration unseres Kontinents, ja es gab unter ihnen ausgesprochene Europa-Feinde, wovon heute nicht mehr die Rede sein kann.
Auf alle Fälle läßt sich festhalten: Ohne Paneuropäer aller Parteien, die meisten von ihnen mit deutlichem christlichen Hintergrund, und ohne Christdemokratie als Motor der europäischen Einigungsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg wäre das Europa der Institutionen so nicht zustande gekommen - ohne die Verdienste von Europäern anderer Ausrichtungen schmälern zu wollen.  
Eine wichtige Funktion kam auch den kirchlichen Laienverbänden und allen Päpsten seit Pius XI., der sich trotz persönlicher Sympathie für Coudenhove-Kalergi noch zurückhielt, zu. Sowohl die übernationale Katholische Kirche als auch die zunehmend ökumenische und international agierende Hauptströmung des europäischen Protestantismus sprengen nationale Grenzen und verbinden die Völker. Inzwischen hat sich die Orthodoxie hinzugesellt, die aber mehrheitlich nach wie vor stark mit verschiedenen Nationalismen sowie einem sehr engen Verhältnis zwischen Kirche und Nationalstaat belastet ist.
Die größte Fraktion im Europaparlament, die Europäische Volkspartei, hat daher schon frühzeitig auf Initiative eines katholischen Briten mit ungarischen Wurzeln und einer polnischen Frau, Stephen Biller, einen systematischen Europa-Dialog zwischen allen großen Religionsgemeinschaften in die Wege geleitet, der diese gemeinsam mit anderen Aktivitäten inzwischen überkonfessionell europäisiert hat.
Für die Päpste, die neben den Kaisern schon im Mittelalter Repräsentanten des ganzen Abendlandes waren, war dieser europäische Weg auch nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg nichts Neues, sondern die logische Fortsetzung ihrer religiösen und historischen Mission. Nicht alle griffen dabei so direkt in die Europapolitik ein wie Pius XII., der entscheidend daran mitwirkte, daß die ersten Europaverträge zustande kamen, wie Paul VI., der die europäische Entwicklungs- und Sozialpolitik vorantrieb, oder wie Johannes Paul II., der nach Beseitigung der Stacheldrähte und Minenfelder die so genannte EU-Osterweiterung ganz konkret mitbestimmte, wobei er sie richtigerweise „Europäisierung Europas“ nannte. Ich selbst durfte zum Beispiel an einem Projekt dieses heiligen Papstes mitwirken, als er vor dem Referendum über den polnischen EU-Beitritt die ganze Bischofskonferenz dieses Landes für eine Woche ins Europaparlament schickte und uns beauftragen ließ, dem anti-europäischen Flügel dort die europäischen Einigung näherzubringen. Damit verfolgte Karol Woytila zwei Ziele: die starke christliche und kulturelle Substanz Polens in die EU einzubringen, um diese zu gestalten, und gleichzeitig sein Heimatland durch Verankerung im Westen gegen außenpolitische Bedrohungen aus dem Osten zu schützen.
Johannes Paul II. und Benedikt XVI. waren es auch, die sich am deutlichsten dagegen wandten, den östlichen Materialismus der Kommuisten einfach durch den westlichen der Kapitalisten zu ersetzen. Ihre Beiträge zur Europapolitik auf den Gebieten Katholische Soziallehre, Soziale Marktwirtschaft, Stärkung der Familie, Bioethik und personalistische Untermauerung der Menschenrechte sind nicht hoch genug einzuschätzen und bilden heute noch die, wenn auch umkämpften und umstrittenen, geistigen Bausteine für eine Stabilisierung Europas im 21. Jahrhundert.
Der jetzige Pontifex, seit 1700 Jahren der erste Nicht-Europäer auf dem Stuhl Petri, hat bei seinem Besuch im Europaparlament (s. Seite 9) klar gemacht, daß auch er seinen Beitrag zum europäischen Projekt leisten will, das er geistig mehr durchdringt als mancher Europäer. Außerdem hat er einen sehr charakteristischen Schwerpunkt gesetzt, indem er jetzt schon zum zweiten Mal den Balkan, also das Armenhaus Europas besucht hat, als Friedensbringer und als Hoffnungsträger. Zunächst zog es ihn nach Albanien, das die Kommunisten einstmals zum ersten völlig atheistischen Land Europas hatten machen wollen, und jetzt in die geschichtsträchtige bosnische Hauptstadt Sarajewo, von der ganz entscheidend abhängt, wie westliche Christen, Orthodoxe und Muslime künftig im Herzen unseres Kontinents zusammenleben.
Doch nicht nur durch den Kampf gegen Nationalismus, Materialismus und Relativismus leisten Christen unverzichtbare Beiträge zu einer im richtigen Geist konzipierten europäischen Einigung, sondern auch durch den Einsatz für eine Soziale Marktwirtschaft, die den Klassenkampf überwindet, für die Bewahrung der Schöpfung, für die Menschenrechte und für die Verankerung naturrechtlicher Prinzipien in den europäischen Grundordnungen. Ohne Christentum undenkbar ist auch der Lissabonner Vertrag, die Verfassung der Europäischen Union. In manchen Mitgliedstaaten hatten christliche Splittergruppen die Auffassung vertreten, mit dieser Vereinbarung werde das Christentum relativiert oder gar – eine für gläubige Menschen eher befremdlich wirkende Formulierung – „abgeschafft“. Einer der erfahrensten christlichen Europapolitiker, der ehemalige Präsident des Europaparlamentes Hans-Gert Poettering, weist demgegenüber stets darauf hin, daß schon die EU-Grundrechtecharta tiefe Wurzeln im christlichen Menschenbild hat, wonach jeder Einzelne ein Ebenbild und Kind Gottes ist. Wie das deutsche Grundgesetz beginnt die Charta mit folgendem Artikel: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen.“ Daraus werden abgeleitet das Recht auf Leben, das Recht auf Unversehrtheit, das Verbot von Sklaverei und Zwangsarbeit, die Achtung des Privat- und Familienlebens, die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit sowie das Recht auf Freiheit der Meinungsäußerung, um nur einige Punkte herauszugreifen. Freilich werden diese Prinzipien, wie auch in den Nationalstaaten, zunehmend durch politische Handlungen und Gerichtsurteile unterlaufen, die der eigentlichen Substanz solcher naturrechtlicher Prinzipien diametral entgegengesetzt sind. Begriffe wie Ehe, Familie oder Lebensrecht werden nicht bekämpft oder abgeschafft, sondern umgedeutet. Dabei ist es keinesfalls so wie von gewissen Kreisen behauptet, daß angeblich verantwortungslose Eliten die braven Völker übertölpeln, sondern die Kulturrevolution durch Umwertung der Werte findet auf breiter Basis statt.
Angesichts solcher Entwicklungen, zu denen auch Fremdenfeindlichkeit, soziale Ungerechtigkeit, zerstörerische Ausbeutung der Natur und schrankenloser Egoismus gehören, sind Christen schlecht beraten, wenn sie sich aus der Welt zurückziehen, in wirkungslose politische Splittergruppen flüchten, auf nationaler oder regionaler Ebene ins Schneckenhaus kriechen und gegenüber dem europäischen Projekt Kindsweglegung betreiben. Nach wie vor gilt der Satz des großen christlichen Politikers und Philosophen aus Italien Rocco Buttiglione: „Wir müssen um Europa kämpfen, denn es gibt nur dieses eine, und wir werden kein zweites bekommen.“ In einer Umfrage der Kommission haben sich vor einigen Jahren 80 Prozent der EU-Bürger selbst als Christen bezeichnet. Wären sie auf der Höhe der Entwicklung und würden sie sich entsprechend engagieren, könnte kein Politiker an uns Christen vorbei, auch wenn der Begriff „christlich“ vielfältig deutbar und bei manchen der Befragten sehr unklar sein mag.
Es gibt viele Möglichkeiten, sich in und für Europa einzusetzen, um dafür zu sorgen, daß unsere Wurzeln auch wieder die entsprechenden Früchte bringen: Die Paneuropa-Bewegung und andere Europa-Organisationen, Initiativen zur Völkerverständigung und zum interkulturellen Dialog, Menschenrechts- und Umweltgruppen, Lebensschutz- und Familienverbände. Ein menschenwürdiges Europa braucht entsprechende Politiker, Assistenten, Seelsorger, Journalisten, Eltern, Lehrer, aber auch Wirtschaftsleute und Arbeitnehmer, die das zum Leuchten bringen, was Österreichs ehemaliger Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, ein großer Europäer in der Tradition Richard Graf Coudenhove-Kalergis und Otto von Habsburgs, das „europäische Lebensmodell“ nannte.
Sowohl die europäische Geistesgeschichte mit dem Zusammenfluß von griechischer Philosophie, römischem Recht und Christentum als auch die besten Traditionen der modernen europäischen Einigungsbewegung münden in der richtigen Balance von Freiheit und Verantwortung. Wer aus Furcht vor der Freiheit in die Scheinsicherheit des Nationalismus oder gar des großen pseudo-christlichen Übervaters Wladimir Putin flüchtet, verfehlt ebenso seinen europäischen Auftrag wie derjenige, der den ganzen Tag nur „Freiheit!“ ruft, aber soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und sittliche Verantwortung darüber vergißt. In der Präambel des Lissabonner Vertrages, der die Kirchen und Religionsgemeinschaften in ihrer Unabhängigkeit sichert sowie zu offiziellen Dialogpartnern der europäischen Institutionen erklärt, steht unzweideutig, daß die EU „aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas“ schöpft, „aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben.“ Auch wenn die Gleichheit zuweilen im Sinne einer genderistischen Ideologie mißinterpretiert wird, ist diese Präambel eine wertvolle Grundlage für das kostbare Projekt Europa, das uns die längste Friedensperiode der Geschichte beschert hat. Frieden, Freiheit und Demokratie sind jedoch keineswegs selbstverständlich, sondern müssen in einer hundertfach von Krieg, Vertreibung und totalitären Ideologien bedrohten Welt Generation für Generation erneuert werden. Menschenrechte und Menschenwürde setzen sich nicht automatisch durch, sondern man muß für sie streiten. Nur dann werden sie auch den Schwächsten zuteil, etwa den Verfolgten, Unterdrückten, Alten, Kranken, Ungeborenen, Behinderten und sozial Benachteiligten.
Es bedarf eines lebendigen Glaubens und eines daraus erwachsenden Mutes, um Europa dementsprechend weiterzubauen. Vor fast auf den Tag genau 30 Jahren hat der amerikanische Paneuropäer Ronald Rea-gan im Straßburger Europaparlament in einer historischen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes den Weg in diese Richtung gewiesen, indem er sagte: „Es ist meine Hoffnung, daß im 21. Jahrhundert ... alle Europäer von Moskau bis Lissabon ohne Paß reisen können und daß der freie Fluß von Menschen und Gedanken auch die andere Hälfte Europas einschließen wird. ... Ich glaube jenen nicht, die sagen, die Europäer seien heute paralysiert und pessimistisch. Und jenen, die das meinen, möchte ich sagen: Europa, geliebtes Europa, du bist größer, als du glaubst! ... Werde endlich du selbst. ... Vor uns liegt viel Arbeit – eine Arbeit, die dem Bau einer großen Kathedrale gleicht. ... Nicht nur die Führungen, sondern auch die Völker selbst müssen daran arbeiten. Die Kathedrale wächst Stein um Stein: Jede Generation bringt ihre eigenen Vorstellungen ein – aber ursprüngliche Ideale bleiben bestehen, und der Glaube, der die Vision vorantreibt, überdauert. ... Diese Kathedrale ist Europa, und sie strahlt noch immer ...“.  ■