Wer ist Paneuropäer?

von Dirk Hermann Voß

Was ist Paneuropa? Wer ist ein Paneuropäer? Anläßlich der jüngsten internationalen Paneuropa-Tage der Paneuropa-Union Deutschland in Lindau haben zwei Gastredner je eine treffende Definition der Paneuropa-Idee gegeben. Monsignore Gergely Kovács vom Päpstlichen Rat für die Kultur sagte, die Frage, was Paneuropa inhaltlich ausmacht, sei leicht zu beantworten: „Das Kreuz in der Mitte der Paneuropa-Fahne ist das Kreuz Christi!“. Der mazedonische Staatspräsident Gjorge Ivanov wählte ein anderes Bild, das die politische Leistung  der Paneuropa-Union in den Fokus rückt und nicht minder zutreffend ist: „Paneuropa ist der Leuchtturm, der das Schiff Europa durch die Gefahren des Faschismus, des Nationalsozialismus und des Kommunismus gelotst hat ...“.   
Paneuropa ist das Bekenntnis der Tatsache, daß sich in Europa über Jahrhunderte in einem bestimmten geographischen Raum eine spezifische Kultur und Denkweise entwickelt hat, die – unbeschadet aller Unterschiedlichkeiten in Sprachen, Mentalitäten und Sitten – als Gemeinschaft des Rechts, des Friedens, der persönlichen Freiheit, der sozialen Verantwortung, des christlichen Glaubens und der gemeinsam durchlittenen Geschichte charakterisiert werden kann und sich in einzigartiger Weise von anderen Kulturräumen unterscheidet. Die Paneuropa-Union ist der politische Ausdruck dieser his-torischen Realität; die Europäische Union ihre staatliche Form.  
Paneuropäer bekennen sich zur Herrschaft des Rechts. Grundlage des Rechts ist die Überzeugung, daß der Mensch aus keinem anderen Grund als seinem Menschsein Rechte besitzt, die ihm keine Rasse, keine Klasse und kein Staat verliehen hat und die ihm deshalb auch keine Rasse, keine Klasse und kein Staat nehmen kann. Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgert, daß die Beziehungen der Menschen untereinander durch einen gerechten Ausgleich der Interessen objektiv und verläßlich zu regeln sind. Dies begründet den Vorrang des Rechts vor der Macht. Ausdruck der gleichen Würde ist zwischen Individuen und Staaten die Übereinkunft, der Vertrag, und für jedwede staatliche  Gemeinschaft der faire Ausgleich widerstreitender Interessen und ihre Ausrichtung am Gemeinwohl.  
Das friedliche Zusammenleben von Individuen und  Völkern ist die Grundlage jeder kulturellen Entwicklung. Der Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern das Ende der Politik und eine „Niederlage der Menschheit“, wie es Papst Johannes Paul II. ausgedrückt hat. Krieg ist grundsätzlich nur als Verteidigungskrieg gegen einen unmittelbaren kriegerischen Angriff und nur in engen Grenzen ethisch erlaubt.
Das Bekenntnis zur persönlichen Freiheit bedeutet, daß jeder  Mensch wesensgemäß die Freiheit besitzt, sein Handeln und Denken selbst zu bestimmen und sich jeder-
zeit für das Gute oder das Böse zu entscheiden. Für die Folgen seines Handelns trägt jeder Mensch selbst die Verantwortung.
Für Paneuropäer wird die persönliche Freiheit durch soziale Verantwortung begrenzt. Soziale Verantwortung bedeutet, nicht nur das eigene Wohl zu verfolgen sondern solidarisch auch für das Wohl anderer Menschen einzutreten, deren körperliche oder geistige Integrität oder deren materielle Lebensgrundlagen gefährdet sind. Die Soziale Marktwirtschaft ist der konkrete politische Ausdruck dieses Prinzips.
Der Glaube schließlich ist für überzeugte Christen mehr als ein Lippenbekenntnis zu unbestimmten „Werten“. Christlicher Glaube weiss um die Existenz Gottes und das Eingreifen Gottes in die Geschichte durch die Menschwerdung seines Sohnes und seine Auferstehung von den Toten. Er beinhaltet auch die Überzeugung, daß die Welt und der Mensch nicht durch Zufall entstanden sind, sondern durch göttliche Schöpfung. Dieser Glaube hat die europäische Kultur unverwechselbar und unaustauschbar geprägt.
Für Paneuropäer dürfen Recht und Frieden, Freiheit und soziale Verantwortung, christliches Erbe und der Respekt vor allen Religionen und Weltanschauungen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern müssen jederzeit gemeinsam verwirklicht werden. Dieses europäische Lebensprogramm ist es wert, erhalten und verteidigt zu werden. Es ist anspruchsvoll. Es bildet den Kern der europäischen Identität und des „europäischen Patriotismus“, zu dem sich Paneuropäer bekennen.