Solidarität und Freiheit

von Karl-Georg Michel

Otto von Habsburg und Pater Werenfried van Straaten haben zeitlebens für die Aussöhnung der Völker und für ein christliches Europa gekämpft. Besonders verbunden waren beide auch im Einsatz und in der Sorge um die Freiheit des ungarischen Volkes, das im 20. Jahrhundert zweimal in dramatischer Weise ein Fanal für die politische und religiöse Freiheit ganz Europas setzte und die Bruchstelle zwischen Demokratie und Totalitarismus markierte. Otto von Habsburg und Werenfried van Straaten waren herausragende Europäer und von der Idee eines christlich geprägten und vereinten Kontinents überzeugt. Beide haben einander persönlich geschätzt und sind sich immer wieder begegnet. In ihrem Leben gibt es Parallelen und Überschneidungen: Otto von Habsburg trat auf politischer Ebene für die Überzeugung ein, daß Europa ohne religiöse Erneuerung keine dauerhafte Zukunft habe.
In seinem Kondolenzschreiben an die Familie schrieb Papst Benedikt XVI. zum Tod von  Otto von Habsburg im vergangenen Jahr: „In Verantwortung vor Gott und im Bewußtsein eines bedeutenden Erbes hat er sich als großer Europäer unermüdlich für den Frieden, das Miteinander der Völker und eine gerechte Ordnung auf diesem Kontinent eingesetzt“.  Nicht zuletzt deshalb hat er sich auch für den Gottesbezug in der Europäischen Verfassung ausgesprochen. „Der Kampf um den Gottesbezug ist auch der Kampf um die Seele Europas“, sagte er einmal in einem Interview mit „Kirche in Not“.
Pater Werenfried van Straaten war ein Praktiker der christlichen Nächstenliebe und der pastoralen Hilfe. Mit seinem Hilfswerk „Kirche in Not“ hat er überall dort Unterstützung geleistet, wo die Kirche in ihrer Existenz bedroht war und den Menschen nicht mehr beistehen konnte. Ost- und Westeuropa würden nur dann ihre wahre Identität wiederfinden, wenn sie zu ihrem christlichen Ursprung zurückkehrten, sagte er einmal mit Bezug auf Johannes Paul II. und forderte im Sinne des  Heiligen Vaters eine Neuevangelisierung der ganzen Christenheit. „Diese universelle Neuevangelisierung“, so Pater Werenfried, „ist Seelsorge im wahrsten Sinne des Wortes und gehört zur Zielsetzung unseres Werkes.“
Für beide Männer gilt also: Sie vertraten ähnliche Ideale und Visionen, waren aber auf verschiedenen Ebenen tätig. Beide waren, soviel steht fest, unmittelbar nach dem Krieg und über lange Jahrzehnte auf ihre je eigene Weise engagierte Europäer, die ihre jeweilige Arbeit gegenseitig befruchteten und inspirierten. „Ich unterstütze ,Kirche in Not‘“, hat Otto von Habsburg einmal gesagt, „weil Pater Werenfried zu den Baumeistern eines einigen und christlichen Europas gehört“. Immer wieder hat er seine große Wertschätzung für „Kirche in Not“ zum Ausdruck gebracht: Bis ins hohe Alter hat Otto von Habsburg gerne Einladungen des Hilfswerkes angenommen und vor den Freunden und Wohltätern über seine Vision eines christlichen Europa gesprochen. Diese Vision hatte für beide immer auch mit der Aussöhnung und dem friedlichen Zusammenleben der Völker zu tun.
Am Vorabend des Ersten Weltkrieges geboren, wurden beide Persönlichkeiten während ihres Lebens Zeugen dessen, was blinder Haß zwischen Völkern und Menschen anrichten kann: Der Sohn des letzten österreichischen Kaisers Karl I., der 2004 von Johannes Paul II. seliggesprochen wurde,  erlebte als Kind den Zerfall der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn am Ende des Ersten Weltkriegs und als junger Mann den Weg Europas in Totalitarismus, Krieg und Spaltung.
Der niederländische Prämonstratenserpater, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Belgien und den Niederlanden seine beispiellose Hilfsaktion für die 14 Millionen deutschen Heimatvertriebenen startete: „Kein Platz in der Herberge“, lautete der Hilfsaufruf, mit dem Pater Werenfried im Dezember 1947 das begann, was wenig später zur „Ostpriesterhilfe“, und schließlich  zu „Kirche in Not“ wurde und ihm den Namen „Speckpater“ einbrachte. Von Anfang an setzte Pater Werenfried auf die Kraft der Versöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern. Eine Versöhnung, und das war ihm sehr wichtig, die nur durch Gebet und die Gnade Gottes erreicht werden konnte und weil „die Menschen viel besser sind, als wir denken“, so seine Überzeugung.
 Für ihren Einsatz in den Nachkriegsjahren wurden beide Männer mit der gleichen  Auszeichnung geehrt: dem Europäischen Karls-Preis der Sudetendeutschen Landsmannschaft, deren Mitglieder in besonderer Weise unter Nationalismus, Krieg und Vertreibung zu leiden hatten. Pater Werenfried van Straaten wurde dieser Preis 1965 verliehen. Sein ganzes Lebenswerk habe der Versöhnung der Menschen und damit der Völker gedient, lautete damals die Begründung für die Ehrung. Er habe „im europäischen Geiste durch sein Wirken die geschichtlichen Bande zwischen Holländern und Flamen und dem deutschen Volke neu geknüpft“ und sei bestrebt, „die osteuropäischen Völker mit dem deutschen Volke zu versöhnen“.
Otto von Habsburg wurde 1970 mit dem Europäischen Karls-Preis geehrt: Weil er das Schicksal der Heimatvertriebenen kannte und sich von Anfang an zu ihnen bekannt habe, wie es bei der Übergabe des Preises hieß. Er habe sich um die Sinndeutung der Tragödien unserer Zeit bemüht und sich leidenschaftlich für die europäische Idee eingesetzt. Für diese Idee trat er in den folgenden Jahren noch intensiver ein: 1973 übernahm er nach dem Tod von Richard Coudenhove-Kalergi die Präsidentschaft der Paneuropa-Union und war von 1979 an für zwanzig Jahre Mitglied des Europäischen Parlaments.
Die Ehrung Pater Werenfrieds war mit einem weiteren Aspekt begründet worden, der ebenfalls beide Männer indirekt verband: Unvergessen sei „sein übermenschlicher Einsatz beim heldenhaften Aufstand der Ungarn im Jahre 1956“, äußerte Albert Karl Simon vom Bundesverband der Sudetendeutschen Landsmannschaft anläßlich der Preisverleihung.
Während der dramatischen Tage des Aufstands der Ungarn gegen die kommunistische Regierung und die sowjetischen Besatzer hatte „Kirche in Not“ Ende Oktober 1956 sofort reagiert. Pater Werenfried zog in einer nächtlichen Gebetsaktion in Brüssel vor die Botschaften osteuropäischer Länder und betete mit mehreren Dutzend Menschen den Rosenkranz – unter den Augen schwerbewaffneter Gendarmen. „Wir aber beteten weiter, Rosenkranz um Rosenkranz im Dämmerlicht der Laternen“, beschrieb Pater Werenfried die nächtliche Szene in seiner Autobiografie „Sie nennen mich Speckpater“. Dieser spontanen Privatinitiative schlossen sich in den folgenden Tagen Hunderttausende an.
Vor der Rosenkranzaktion hatte Pater Werenfried bereits ein erstes Flugzeug mit Blutplasma und Medikamenten nach Ungarn geschickt. Es folgten tonnenweise Medikamente und Lebensmittel, aber auch Katechismen, Gebetbücher und Ausgaben des Neuen Testaments. Sie wurden nach Ungarn geliefert und an die vielen ungarischen Flüchtlinge überall in Europa verteilt.
Der Speckpater machte sich in diesen dramatischen Tagen auch persönlich auf den Weg nach Budapest, um József Kardinal Mindszenty zu treffen. Der Primas von Ungarn war am 26. Dezember 1948 von der kommunistischen Regierung verhaftet, gefoltert und im Februar 1949 nach einem dreitätigen Schauprozeß vom  ungarischen Volksgerichtshof zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt worden. Pater Werenfried rechnete fest mit der Befreiung des Kardinals während des Volksaufstandes. Am 30. Oktober 1956 wurde Kardinal Mindszenty befreit.
„Es war noch vollauf Revolution“, beschreibt Pater Werenfried die Fahrt von Wien nach Budapest. „Links und rechts wurde noch gekämpft. ... Ohne viel Mühe fanden wir die schwerbeschädigte Wohnung des Kardinals“. Er war einer der ersten Besucher aus dem Ausland, die der Kardinal am 31. Oktober 1956, wenige Stunden nach seiner Befreiung, empfing. „Herr Pater, wenn Sie jetzt in den Westen zurückkehren, sagen Sie bitte Ihren Freunden, daß sie uns nicht vergessen dürfen. Sagen Sie ihnen, daß sie beten, viel beten sollen .., denn ein schwerer Kampf steht uns noch bevor“, gab der Kardinal Pater Werenfried mit auf den Heimweg – und einen Brief „An die katholischen Bischöfe der Welt!“, den „Kirche in Not“ nach seiner Rückkehr an die Bischöfe und die Medien weitergab.
Für Otto von Habsburg zeichnete sich die ungarische Revolution bereits vor 1956 ab. Immer mehr Ungarnreisende berichten, die Menschen hätten die Angst verloren, der Ruf nach Freiheit werde lauter. Im Januar 1956 hatte Otto von Habsburg in New York – wie schon in den Jahren zuvor – dort lebende Exil-Ungarn getroffen. Auch zu Exilkreisen in Madrid hielt er Kontakt. Am 24. Oktober 1956 notierte Otto von Habsburg in seinem Kalender „Rebellion in Ungarn“ und am Tag darauf „Der Aufstand in Ungarn scheint anzuhalten“. Sein Biograph Stephan Baier berichtet aus den persönlichen Dokumenten Otto von Habsburgs, daß dieser am nächsten Tag versuchte, die spanische Regierung für eine Initiative zugunsten Ungarns zu gewinnen. Das neutrale Spanien kündigte daraufhin an, wegen der Vorgänge in Ungarn die UNO anzurufen. Otto von Habsburg wollte erreichen, daß die Vereinten Nationen Ungarn als neutralen Staat anerkennen. Tatsächlich war das Leitbild der ungarischen Revolution weniger das Modell Titos in Jugoslawien als vielmehr das benachbarte Österreich, das durch den Staatsvertrag vom 15. Mai 1955 seine Freiheit und Unabhängigkeit wiedererlangt und gesichert hatte. Otto von Habsburg kontaktierte Ungarn-Experten, mobilisiert Vertrauensleute in Madrid, Paris, London und Wien und versuchte alles, um Ungarn möglichst rasch und unwiderruflich aus dem „Ostblock“ herauszuhelfen und seine Neutralität zu sichern. Der ungarische Ministerpräsident Nágy verkündete am 1. November 1956 offiziell die Neutralität Ungarns. Nach Tagen der Hoffnung und intensiver diplomatischer Bemühungen bemerkte Otto von Habsburg am Abend des 6. November resignierend: „Der Westen kapituliert wieder einmal.“
Während der Aufstand im November 1956 von den sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagen wurde, konnte ein Hilfslaster von „Kirche in Not“ „als allerletzter noch gerade aus Ungarn entkommen“, erinnert sich Pater Werenfried. Fünf Minuten später sei die Grenze von Sowjetpanzern abgeriegelt worden. Er selber kam mit knapper Not zusammen mit seinem Fahrer über die Grenze. „Der Aufstand ist gescheitert. Die Bresche im Eisernen Vorhang ist wieder geschlossen“, schreibt der Speckpater am Ende seines Kapitels über die „Ungarische Tragödie“.
Otto von Habsburg war überzeugt, daß die Ungarische Revolution von 1956 der entscheidende Wendepunkt im „Kalten Krieg“ war. Bereits 1957 analysierte er den kommenden Niedergang der Sowjetmacht als Folge des ungarischen Volksaufstandes in einem Interview mit einer Schweizer Tageszeitung: „Darüber hinaus ist jedem objektiven Beobachter klar, daß die Entwicklung, die durch den ungarischen Aufstand vom Oktober und November 1956 eingeleitet wurde, keineswegs stillsteht. Die Krise des Sowjetreiches geht weiter und nimmt an Intensität zu.“ Ungarn ist für ihn der Beweis, daß die These von der Irreversibilität des Kommunismus nicht zutrifft. Viele Kommunisten glaubten bis 1956, daß der Kommunismus nicht von innen heraus gestürzt werden könne. In Ungarn wurde er von innen heraus gestürzt und nur durch militärische Macht von außen wieder installiert, schreibt Stephan Baier in der Biographie über Otto von Habsburg.
Auch nach der brutalen Niederschlagung des Aufstandes hält Otto von Habsburg enge Kontakte zum ungarischen Exil. 1963 kommt es zu intensiven Verhandlungen Ungarns mit dem Vatikan und den USA über das weitere Schicksal des ungarischen Primas, Kardinal Mindszenty, der seit den Revolutionstagen von 1956 in der US-Botschaft in Budapest lebt. Otto von Habsburg organisiert im Westen ein Komitee mit namhaften Politikern, das sich für die Freilassung des Kardinals und – dessen Wunsch entsprechend – für seinen Verbleib in Ungarn einsetzt. Aber der Vatikan stimmt im Zuge einer neuen Ostpolitik der Ausreise Mindszentys zu. Für das kommunistische Regime in Budapest ist das Problem damit entschärft. 1971 kommt der Fürstprimas nach Rom, das er aber schnell wieder verläßt. 1972 feiert Kardinal Mindszenty anläßlich des 80 Geburtstages von Kaiserin Zita mit ihr und zahlreichen Familienmitgliedern die Heilige Messe. 1974 enthebt Papst Paul VI. Mindszenty „aus pastoralen Gründen“, aber gegen den ausdrücklichen Willen des Betroffenen seiner Kirchenämter in Ungarn. Im Jahr darauf stirbt der große ungarische Bekenner-Kardinal im österreichischen Exil und wird – auf eigenen Wunsch – in Mariazell beigesetzt, einem Wallfahrtsort, der auf das engste mit dem Hause Habsburg verbunden ist.  Bei der Beisetzung am 15. Mai 1975 nennt Werenfried van Straaten den Primas von Ungarn eine „gigantische Gestalt der Kirchengeschichte“. Erst nach der Wiedererlangung der Freiheit Ungarns wird er seinem Testament entsprechend ins ungarische Esztergom überführt. Einem Komitee für die Seligsprechung Kardinal Mindszentys gehören heute weltweit eine halbe Million Menschen an.
Am 19. August 1989, schließt sich der Kreis der Geschichte und nimmt die ungarische Tragödie beim „Paneuropäischen Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze doch noch ein gutes Ende. Otto von Habsburg hatte neben Imre Pozsgay, einem Mitglied im Zentralkomitee der ungarischen Kommunisten, für diese Veranstaltung die Schirmherrschaft übernommen.
Beim Picknick war eine Begegnung zwischen Österreichern und Ungarn auf der Grenze bei Sopron-Ödenburg  geplant. Dabei wurde der Eiserne Vorhang im Zeichen Paneuropas für einige Stunden geöffnet.Was dann Geschichte schrieb: Hunderte Bürger aus der DDR, die sich im Sommer in Ungarn aufhielten,  nutzten das Picknick als Gelegenheit zur Massenflucht in den Westen. Der weitere Verlauf der Ereignisse des Jahres 1989 bis hin zum Fall der Berliner Mauer war damit nicht mehr aufzuhalten.
Pater Werenfried machte sofort von dieser neuen Freiheit Gebrauch: Noch während der Revolution in Rumänien flog er am 26. Dezember 1989 in das osteuropäische Land, um sich ein Bild von der Lage der Kirche und Hilfsmöglichkeiten für „Kirche in Not“ zu machen.                     ■