Schicksalsstunden in der Ukraine

von Stephan Baier

Der Ukraine und ganz Europa stehen schwere Wochen und Monate bevor. Als Wiktor Janukowitsch im Herbst das bereits ausgehandelte Abkommen mit der Europäischen Union platzen ließ und sich den Erpressungen Putins hingab, war für Millionen Ukrainer klar, daß es jetzt an ihnen lag, ihren Staat, ihre Freiheit, ihre Würde zu retten – gegen einen korrupten, moskauhörigen Präsidenten, gegen den Würgegriff Wladimir Putins, gegen den faktischen Anschluß ihrer Heimat an Rußland. Diesen Kampf um die europäische Seele der Ukraine kann man nur verstehen, wenn man die Geschichte dieses Landes kennt. Und man muß ihn verstehen, denn er ist noch längst nicht zu Ende. Der Ukrainekenner Stephan Baier über die Hintergründe eines komplizierten Freiheitskampfes.

Lemberg sei „die Stadt der verwischten Grenzen. Der östliche Ausläufer der alten kaiserlichen und königlichen Welt. Hinter Lemberg beginnt Rußland.“ So schrieb der galizische, jüdische und altösterreichische Schriftsteller Joseph Roth, dessen Geburtsort Brody zwar „hinter Lemberg“, aber noch nicht im Reich des Zaren lag. Zur Zeit seiner Geburt 1894 war Lemberg hart an der Grenze Österreich-Ungarns zum zaristischen Rußland. Als er 1924 die obigen Sätze niederschrieb, gehörte die Stadt zu Polen, nachdem sie wenige Wochen lang Hauptstadt der Westukrainischen Volksrepublik gewesen war. Und kurz nach seinem Tod 1939 wurde Lemberg zunächst von deutschen Truppen besetzt und dann auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes der Sowjetunion eingegliedert, unter deren Terrorherrschaft der Osten des Landes schon lange litt. Rußland war nach Lemberg gekommen! Die einstige habsburgische Vielfalt der Metropole Galiziens, die sich in der Vielfalt von Sprachen, Nationalitäten und Konfessionen spiegelte, verschwand für Jahrzehnte unter der Betonplatte des Sowjetimperiums.

Nicht nur die Sätze von Joseph Roth, sondern die ganze Geschichte der Ukraine – „dieses Grenzlandes“, wie der Name die Identität deutet – scheint für die These eines zwischen Ost und West, zwischen Rußland und Europa zerrissenen Landes zu sprechen. Heute, nach mehr als einem halben Jahrhundert sowjet-kommunistischer Russifizierung und nach 23 Jahren wechselhafter ukrainischer Unabhängigkeit, scheinen aus den tiefen Wurzeln der Geschichte neue Blüten zu treiben. Zerbricht die Ukraine an ihren alten inneren Gegensätzen zwischen einem russisch geprägten und geformten Osten und einem altösterreichisch und mitteleuropäisch geprägten Westen? Ist Moskaus Aggression gegen die Ukraine vielleicht nur der Katalysator jener Spaltung, die in Geschichte und Kultur bereits grundgelegt ist?

Als Wiktor Janukowitsch im vergangenen Herbst das bereits ausverhandelte Abkommen mit der Europäischen Union kurzfristig platzen ließ, da wußten die Menschen, welche Entscheidung der korrupte, nur seinen Seilschaften verpflichtete Präsident getroffen hatte: gegen Europa und für Rußland, gegen eine Entwicklung zu mehr persönlicher Freiheit, Rechtstaatlichkeit, wetterfester Demokratie – für eine Entwicklung zur Autokratie nach Wladimir Putins Vorbild. Nicht wegen des unmittelbar drohenden Staatsbankrotts, nicht wegen ökonomischer oder finanzieller Fragen gingen Hunderttausende auf die Straßen, hielten klirrender Kälte und der Brutalität der Sondereinheiten stand. Die Menschen demonstrierten für die Freiheit und Souveränität ihrer Heimat, für die Würde ihrer Nation, die sie nur in der Annäherung an das vereinte Europa gewährleistet sahen – und die sie nun bedroht sahen durch den Würgegriff Moskaus, dem sich der Staatspräsident hinzugeben bereit war.

All das, wofür der Kiewer „Maidan“ zum Sinnbild und Symbol wurde, steht in einer historischen Dimension: Zum dritten Mal innerhalb einer Generation haben sich die Ukrainer gegen Diktatur und Fremdherrschaft erhoben, sind für Freiheit und Selbstbestimmung auf die Straße gegangen. 1991 erkämpfte das ukrainische Volk die Unabhängigkeit seines Landes von Moskau und schüttelte damit ein doppeltes Joch ab, das der kommunistischen Diktatur und jenes der von Moskau dirigierten Russifizierung. 2004 stand das ukrainische Volk gegen die Fälschung der Präsidentschaftswahlen auf und erkämpfte sich in der „Orangen Revolution“ ein Stück Freiheit. Nun war es in diesem Winter neuerlich das ukrainische Volk, das sich vom Joch einer korrupten, selbstsüchtigen und moskauhörigen Clique befreit und den bereits verbauten Weg zu Freiheit und nationaler Souveränität freigekämpft hat.

Doch die Ukrainer haben im 20. Jahrhundert so hart unter der mörderischen Knute Moskaus gelitten, daß ihnen bewußt war, was man in Westeuropa übersehen oder verdrängen konnte: Die Freiheit und Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten hätte das Sowjetimperium vor 23 Jahren vielleicht überleben können, nicht aber die Loslösung der Ukraine. Die Mitgliedschaft Estlands, Lettlands und Litauens in NATO und Europäischer Union kann auch der Sowjet-Nostalgiker Wladimir Putin in seinen Großmachtträumen vielleicht verwinden, nicht aber einen endgültigen und irreversiblen Verlust der Ukraine. Wenn es so etwas wie eine russische Seele gibt, dann hat sie ihre Wurzel nicht in Moskau oder Petersburg, sondern in Kiew, wo Großfürst Wladimir vor mehr als einem Jahrtausend das Christentum einpflanzte. Darum verhinderte Putin im Herbst 2013 mit wirtschaftlicher Erpressung, daß Kiew das mit der EU bereits ausverhandelte Abkommen unterzeichnete. Darum versuchte Putin, den russophilen Wiktor Janukowitsch zu stabilisieren und die Vermittlungsbemühungen der EU als Einmischung in die inneren Angelegenheiten Kiews zu diffamieren. Darum hat Moskau die versprochenen Kredite blockiert und seinen Botschafter aus Kiew heimbeordert. Darum geifert Moskau gegen die Demonstranten und die Führer der neuen Regierung.

Und darum setzt Moskau nun gegen eine wirkliche Loslösung der Ukraine sogar Truppen in Bewegung und riskiert einen Krieg. Wenn sich die Ukraine aus der Vormundschaft Rußlands befreit, dann ist die Sowjetunion, der Putin nachtrauert, unwiderruflich untergegangen. Dann sind alle Versuche Putins, eine „UdSSR light“ – eine Sowjetunion minus kommunistische Ideologie – zu errichten, im Kern gescheitert. Dann sind alle Machtspiele des neuen Zaren im Kaukasus, in Sibirien und in Weißrußland nur noch Marginalien der Weltgeschichte. Das ist aus der Perspektive Moskaus die Tragweite der aktuellen Vorgänge in der Ukraine: An der Zukunft dieses Landes entscheidet sich die Größe Rußlands und die historische Bedeutung Putins.

Kein Zweifel, daß Wladimir Putin dem würdelosen Kleptokraten Janukowitsch keine Träne nachweint, sondern jederzeit bereit wäre, sich mit einer neuen Clique und mit neuen Statthaltern in Kiew zu arrangieren. Nicht arrangieren jedoch kann sich der russische Autokrat mit all dem, wofür die Demonstranten auf dem Maidan ausharrten – mit dem Selbstbestimmungsrecht des ukrainischen Volkes und seiner Hoffnung auf Europa, mit wirklicher Freiheit, echter Demokratie und voller Rechstaatlichkeit. Diesen Weg haben sich die Ukrainer unter großen Opfern freigekämpft – doch nun brauchen sie die Hilfe und Solidarität aller Europäer, um sich gegen eine neuerliche russische Hegemonie zu behaupten.

Die aktuellen russischen Polemiken gegen die angeblichen „Nationalisten“ oder „Faschisten“, die in Kiew gewaltsam und illegal die Macht übernommen hätten, mobilisieren ganz gezielt geschichtsbeladene Mythen, die bereits in Sowjetzeiten zelebriert wurden: Hier wird das Zerrbild eines vor allem in der Westukraine beheimateten militanten Nationalismus an die Wand gemalt, dem Moskau gerne seine – selbst unter den atheistischen Sowjet-Tyrannen bemühte – panslawische und orthodoxe „Brüderlichkeit“ gegenüberstellt. In schlechter alter Sowjetmanier inszenierte Moskau zunächst seine Besorgnis über den angeblichen Einfluß rechtsextremer Kräfte, ließ sich von Marionetten auf der Krim zu Hilfe rufen, um dann den vermeintlich in ihren Rechten bedrohten Russen in der Schwarzmeerregion zu Hilfe zu eilen.

Leider sind diesbezüglich in den ersten Tagen nach Janukowitschs Sturz taktische Fehler passiert: Mit der Aufhebung des zu Recht umstrittenen Sprachengesetzes von 2012, das das Russische im Osten faktisch zur zweiten Staatssprache machte, hat das Parlament in Kiew bereits vor der Installierung der neuen Regierung unter Arseni Jazenjuk eine ernste Provokation gesetzt. Auf eine solche Schwächung der bisherigen Rechte der Russischsprachigen hatte Moskau nämlich nur gewartet. Denn bereits 2010 hatte Putin vorsorglich eine neue Militärdoktrin verabschieden lassen, die einen Krieg auch dann für legitim erklärt, wenn russische Bürger jenseits der Grenzen Rußlands in ihren Rechten bedroht sind.

Die Krim, wo etwa 60 Prozent der zwei Millionen Einwohner ethnische Russen sind und wo in Sewastopol Rußlands Schwarzmeerflotte ihren Heimathafen hat, war – wie Otto von Habsburg bereits vor Jahrzehnten analysierte – 1954 „ein vergiftetes Geschenk Moskaus an die Ukraine“. 2010 ließ sich Moskau von Janukowitsch den Pachtvertrag für die Stationierung seiner Flotte, der 2017 abgelaufen wäre, um ein volles Vierteljahrhundert verlängern, um jedenfalls einen Fuß in der Türe zu behalten. In Moskau denkt man – anders als in Berlin oder Brüssel –
geostrategisch: Rußland braucht die Krim, um seine Dominanz im Schwarzmeerraum zu behaupten. Der Drang Moskaus ans „warme Meer“, also über das Schwarze Meer zum Bosporus sowie über Serbien und Montenegro zur Adria, bestimmte bereits die Außenpolitik der Zaren im 19. Jahrhundert. Sie bestimmt auch Moskaus Politik gegenüber der Ukraine und den Staaten des Balkan im 20. und 21. Jahrhundert.

Die pathetische Berufung auf Slawentum und Orthodoxie war auch schon vor mehr als einem Jahrhundert eine russische Methode zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten dieser Völker. Kreml-Herrscher Putin knüpft daran nahtlos an. So hat er nie einen Zweifel daran gelassen, daß er eine möglichst weitgehende Integration der Ukraine in sein Reich anstrebt. Während die Europäische Union leider nicht paneuropäisch genug agierte und zauderte, wieviel Integrationsmöglichkeiten man der Ukraine wohl anbieten könne, war Putins Ziel stets eine hundertprozentige Integration: Fressen und Verdauen inbegriffen. Im Juli 2013 beschwor Putin bei einem Besuch in Kiew „unsere gemeinsamen Vorfahren“, die „gemeinsame Vergangenheit“ und die verbindenden „orthodox-slawischen Werte“. Bewußt verschwieg Putin in diesem Zusammenhang die jahrhundertelange gewaltsame Russifizierung weiter Teile der Ukraine unter den Zaren wie später unter der roten Terrorherrschaft, die Millionen Todesopfer der Zwangskollektivierung und der künstlichen Hungersnot (Holodomor) unter Josef Stalin und die brutale Vernichtungsstrategie des kommunistischen Moskau gegen die ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus. Putin strebt offen nach einer eurasischen Freihandelszone als Alternative und Gegenstück zur Europäischen Union, nach einer neuerlichen Dominanz Moskaus im Raum der einstigen Sowjetunion.

Sekundiert wird dem politischen Moskau dabei ideologisch vom russisch-orthodoxen Patriarchat, das die Ukraine auch heute noch als Teil seines „kanonischen Territoriums“ sieht. Diesem Anspruch korrespondierte in Kiew bisher der Wunsch Janukowitschs, eine auf ihn zugeschnittene Putinokratie zu errichten. Im Gegensatz zu den Siegern der „Orangen Revolution“ von 2004, dem damaligen Präsidenten Wiktor Juschtschenko und Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, hat Janukowitsch als Staatspräsident keine Neutralität im Bruderstreit der drei orthodoxen Kirchen gewahrt, sondern die orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats massiv gefördert. Kein Wunder, daß der Synod dieser Kirche seinen bisherigen Metropoliten Wolodymyr unmittelbar nach Janukowitschs Sturz von allen Aufgaben entband und den westukrainischen Metropoliten Onufri zum Kirchenverweser berief. Wenn die Kirche sich so eng an die politische Macht bindet, dann stehen und fallen ihre Amtsträger auch mit dieser. Der Moskauer Patriarch Kyrill höchstselbst hatte Janukowitsch 2010 noch vor der Vereidigung im traditionsreichen Kiewer Höhlenkloster in einer öffentlichen Zeremonie feierlich gesegnet – wie sich ein Jahrzehnt zuvor auch Putin vor Fernsehkameras vom Patriarchen segnen ließ.

Abgesehen von der Orthodoxie des Moskauer Patriarchats waren alle anderen autochthonen Kirchen der Ukraine in den zurückliegenden Monaten klar positioniert – und zwar auf der Seite der Demonstranten. Das ist bei den Katholiken des lateinischen wie des byzantinischen Ritus selbstverständlich, bei den beiden autokephalen orthodoxen Kirchen aber sehr anerkennenswert. Eine Zeltkapelle auf dem zentralen Kiewer Unabhängigkeitsplatz, dem „Maidan“, wurde wochenlang von mehreren Konfessionen genutzt, bis die Polizei sie am 19. Februar in Brand setzte. Priester aller ukrainischen Konfessionen waren unter den Demonstranten. Bischöfe riefen zum Gewaltverzicht auf und machten Janukowitsch Vorwürfe. Nach blutigen Massakern machte die Orthodoxie des Kiewer Patriarchats das Regime für die Gewalt verantwortlich und ersetzte die im orthodoxen Ritus übliche Fürbitte für die Herrschenden in ihrer Liturgie durch eine Fürbitte für das Volk.

Bei aller historischen, sprachlichen, politischen und konfessionellen Zerrissenheit, die in der Ukraine mit Händen zu greifen ist, sind in den zurückliegenden Wochen auch neue Kräfte des Zusammenhalts sichtbar geworden: Da ist die „Geographie der Opfer“, also die Tatsache, daß in nahezu allen Landesteilen Menschen gegen das korrupte Regime von Janukowitsch aufstanden und unter den Opfern seiner Gewalt Menschen aus allen Regionen sind. Da ist ein Neben- und Miteinander der Konfessionen, das noch vor kurzem undenkbar schien. Die gemeinsamen Appelle des „Gesamtukrainischen Rates der Kirchen und Religionsgemeinschaften“, dem 18 monotheistische Bekenntnisse (neben den Kirchen auch die jüdische und die muslimische Glaubensgemeinschaft) angehören, zeigen eine erstaunliche Einmütigkeit. Nach Janukowitschs Sturz veröffentlichte der Rat eine Erklärung, die eine Spaltung der Ukraine als „Sünde vor Gott und künftigen Generationen unseres Volkes“ bezeichnet.

Die Dramatik der Formulierung zeigte, wie groß diese Gefahr einer Spaltung ist. Dies erstens, weil Moskau sich beeilte, mutwillig Öl in die Glut zu gießen, und zweitens, weil die Ukrainer über Jahrhunderte immer wieder Spielball und Opfer der Weltgeschichte wurden. Bereits im 14. Jahrhundert zerbrach die als „Kiewer Rus“ von Großfürst Wladimir 988 dem Christentum zugeführte Einheit. Während seine westlichen und südlichen Gebiete unter die Oberhoheit Polens und Litauens fielen, versuchten die Großfürsten von Moskau – wie heute Putin – als „Sammler der russischen Erde“ ihre Herrschaft über den Osten zu festigen. Weil Kiew vor dem großen Schisma von 1054 die Taufe von Byzanz und nicht von Rom angenommen hatte, sahen sich jene Gebiete, die zum polnisch-litauischen Großreich fielen, nun mit Tendenzen zur liturgischen Latinisierung und zur ethnischen Polonisierung konfrontiert. Eine Tendenz, die bis in unsere Zeit in der Westukraine anti-polnische Ressentiments zementierte. Doch schlimmer als den westlichen Gebieten erging es jenen Regionen, die nach und nach unter die Kontrolle der Zaren gerieten.

Als Ende des 18. Jahrhunderts auch die rechtsufrige Ukraine an Rußland fiel, war die Russifizierung nicht mehr zu bremsen. Zarin Katharina II. löste die mit Rom unierten Bistümer und viele Klöster auf, verbot die ukrainische Sprache in der Schule wie im öffentlichen Leben. Die gesamte Kirchenverwaltung wurde dem Heiligen Synod der russischen Orthodoxie unterstellt. Diesen Versuch, die Brücken zwischen der Ukraine und dem Papst zu zerschlagen, wiederholte nach dem Zweiten Weltkrieg Josef Stalin auf weit brutalere Weise. Dazwischen aber gab es kräftige Lebenszeichen der ukrainischen Nation: In dem an Österreich-Ungarn gefallenen Galizien konnte sich die mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche frei entfalten. Lemberg hatte damals drei katholische Erzbischöfe: für die Katholiken des lateinischen, des byzantinischen und des armenischen Ritus. Doch während in Lemberg die sprachliche, kulturelle und konfessionelle Vielfalt blühte, herrschte wenige Kilometer östlich davon das strenge Regime des russischen Zaren.

Mit Lenins Oktoberrevolution 1917 und dem Ende des Ersten Weltkriegs ging die Spaltung der Ukraine in die nächste Runde: Der Osten bildete bald eine „Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik“, während der Westen – nach dem kurzen Intermezzo einer „Westukrainischen Volksrepublik“ – an Polen fiel. Die folgenden Jahrzehnte ukrainischer Geschichte lassen sich nur als Leidensgeschichte erzählen: Der Kommunismus und der Zweite Weltkrieg wüteten mörderisch in der Ukraine. Stalins ideologisches Toben gegen die einstige „Kornkammer Europas“ führte in den „Holodomor“, zum Hungertod von Millionen. Dieser kommunistische Genozid am ukrainischen Volk war bis zum Ende der Sowjetunion ein Tabu, und wird von Sowjetnostalgikern bis heute geleugnet oder verharmlost. 1946 holte Stalin zum nächsten Schlag gegen das Identitätsbewußtsein der Ukrainer aus: Der atheistische Tyrann ließ Bischöfe, Priester und Ordensleute der unierten Kirche verhaften, ermorden oder nach Sibirien deportieren, bevor er die griechisch-katholische Kirche zwangsweise mit dem Moskauer Patriarchat verschmolz. Bei dieser Zwangs-Ökumene hatte der einstige Priesteramtskandidat Stalin keine kirchlichen Ziele. Es ging ihm – wie heute Putin – darum, das nationale und kulturelle Selbstverständnis der Ukrainer zu brechen.

Erst mit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 konnte sich diese Identität unter Mühen und Schmerzen religiös, kulturell und geschichtlich wieder selbst finden. Die „Stunde Null“, die nun mit dem Sturz von Wiktor Janukowitsch in Kiew eingesetzt hat, hätte zur Chance auf ein neues Miteinander der Ukrainer werden können. Doch in Moskau scheint man entschlossen, den Freiheits- und Überlebenswillen der Ukrainer neuerlich mit roher Gewalt zu brechen.