Drei Päpste - ein Credo

von Dirk Hermann Voß

Im historischen Zwei-Päpste-Jahr und anläßlich einer Ausstellung, die ab dem 26. Juli 2013 zum 1700. Jahrestag des Edikts von Mailand die Christianisierung Europas thematisiert, denkt Dirk Hermann Voß über Kontinuität und Wandel in der christlichen Geschichte Europas nach – zugleich eine Würdigung der Bedeutung von Papst Benedikt XVI. für die Neubesinnung Europas auf seine geistigen Wurzeln.

In diesem Jahr jährt sich zum 1 700. Mal der Abschluß der Mailänder Vereinbarung zwischen den römischen Kaisern des Westens und des Ostens Konstantin I. und Licinius, im Jahre 313, die auch als „Mailänder Toleranzedikt“ in die Geschichte eingegangen ist. Die Vereinbarung kann als Verfassungsurkunde des christlichen Europa betrachtet werden, denn sie gewährte den Christen, die bis dahin eine verfolgte Minderheit im Römischen Reich waren, erstmals volle Religionsfreiheit und war damit die Grundlage für die Ausbreitung des christlichen Glaubens in Europa. Am Anfang der christlichen Geschichte des Kontinents steht kein staatliches Privileg, sondern die Freiheit zu glauben. Offizielle Staatsreligion wird das Christentum erst im Jahr 380 unter Kaiser Theodosius.  
Das Jahr 313 markiert nicht weniger als den Beginn einer jahrhundertelangen geistigen und politischen Selbstfindung unseres Kontinents, dessen unaufgebbares Fundament der christliche Glaube und die Idee der Toleranz als Ausfluß des christlichen Menschenbildes ist, allen Versuchen bis in unsere Gegenwart zum Trotz, die politische Wirkmächtigkeit des Christentums für Europa zu leugnen, zu instrumentalisieren, zu bekämpfen oder gar auszurotten.
Zum 1 700. Jahrestages der Mailänder Vereinbarung thematisiert jetzt ein epochenübergreifendes Ausstellungsprojekt unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten mit dem Titel „Credo“, das von 26. Juli bis 3. November 2013 in Paderborn zu sehen ist, die Christianisierung Europas im Mittelalter.
Mit rund 600 teils noch nie gezeigten Exponaten dokumentiert die Ausstellung, wie das Christentum nach Europa kam und sich in den verschiedenen Ländern, insbesondere in Nord- und Osteuropa, ausbreitete. Auf den Spuren von Missionaren und Kaufleuten sowie mächtiger Herrscher werden wichtige Etappen einer 1000 Jahre umfassenden Epoche des Übergangs dargestellt: Von der Verbreitung des Christentums im Römischen Reich über die Christianisierung Galliens, Irlands und der Angelsachsen bis zur Bekehrung Skandinaviens und Polens sowie der Mission im Baltikum. Die große Erzählung der Geschichte des christlichen Europa mündet in der Frage nach der Identität des Kontinents und dem Stellenwert seiner christlichen Wurzeln für das politische Europa von heute. Äußere Attribute dieser Erzählung sind atemberaubende Leihgaben von Museen, Bibliotheken und privaten Sammlungen aus aller Welt, darunter seltene Papyrusfragmente mit Briefen des Apostels Paulus, die Goldscheibe von Limons mit Christogramm und Christusbild aus der Bibliothèque Nationale von Paris, das Petersburger Evangeliar, das bedeutende Aachener Karlsepos aus der Stiftsbibliothek St. Gallen, kostbares liturgisches Gerät wie der Kelch des Kaisers Romanos aus dem Tesoro della Basilica di San Marco in Venedig oder Manuskripte in glagolitischer Schrift (die älteste slawische Schrift), die von den Missionaren Kyrill und Method eigens für die Mission entwickelt wurde, noch nie in Deutschland gezeigte Exponate aus dem Historischen Nationalmuseum der Ukraine in Kiew, der Awarenschatz aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien (Goldschatz von Nagyszentmiklós, im heutigen Rumänien), irische Vortragekreuze, slawische Idole und kunstvolle skandinavische Stabkirchenportale.
Die Aussteller präsentieren an drei Ausstellungsorten, im Diözesanmuseum, in der Kaiserpfalz und in den städtischen Galerien der westfälischen Domstadt, Themenschwerpunkte, deren Überschriften auch über der Zukunft des christlichen Glaubens in Europa und über der Zukunft Europas selbst stehen könnten: „Lux mundi“ – Licht der Welt – ist ein Ehrentitel für Christus. In Paderborn folgt der Besucher unter diesem Leitwort ausgehend von Rom, das als Grablege der Apostelfürsten Petrus und Paulus und ungezählter weiterer Märtyrer seit dem 4. Jahrhundert mehr und mehr zum Zentrum der lateinischen Christenheit wurde, den Spuren der christlichen Missionare etwa nach Irland, England und in den hohen Norden. Hier begegnet er bekannten Persönlichkeiten wie dem heiligen Patrick in Irland, dem heiligen Bonifatius im Fränkischen Reich oder dem heiligen Ansgar auf seinem Weg nach Skandinavien.
„In hoc signo vinces“ – In diesem Zeichen wirst du siegen – waren nach der Legende die Worte, die dem römischen Kaiser Konstantin im Jahre 312 unmittelbar vor der Schlacht an der Milvischen Brücke zusammen mit der Vision eines Kreuzes vor der Sonne in einer Christus-Begegnung erschienen waren, worauf der Kaiser sein Heer unter das Zeichen Christi stellte und die Schlacht für sich entschied.  
In Paderborn sind die Worte als Programmsatz über den Teil der Ausstellung gestellt, der sich, beginnend mit Karl dem Großen, mit den mittelalterlichen Herrschern und ihren Expansionszügen befaßt, die nicht nur der Erweiterung und Festigung ihrer Territorien dienten, sondern auch die Ausbreitung des christlichen Glaubens fördern sollten. Dem stehen die friedlichen Missionsinitiativen der byzantinischen Patriarchen gegenüber. Der wechselseitigen Kulturtransfer zwischen West und Ost ist ebenso ein Thema wie die Auseinandersetzung der ottonischen Könige mit den Slawen oder die Missionsvorstöße des Deutschen Ordens bis in das Baltikum.
„Quo vadis?“ – Wohin gehst du? – Die Frage des auferstandenen Christus an Petrus, der aus Rom vor der Verfolgung des Nero flieht und aufgrund der Begegnung mit Jesus dorthin zurückkehrt, um schließlich selbst den Märtyrertod zu erleiden, ist zum geflügelten Wort für die Frage nach eine ungewissen Zukunft geworden und steht in Paderborn für den Blick späterer Epochen auf die christliche Geschichte Europas und deren Interpretation im jeweiligen Zeitgeist. Die Geschichte des christlichen Europa wird hier bis in die Gegenwart weitererzählt, in der mit der Gründung der Paneuropa-Bewegung durch Richard Graf Coudenhove-Kalergi die moderne politische Einigung Europas als Friedensidee erneut unter das Symbol des Kreuzes gestellt wird.
 Zur christlichen Identität Europas gehört neben der historischen Erzählung vor allem aber deren lebendige Wirklichkeit. Geschichte wird nicht nur erzählt, sondern auch erlebt. Vergangenheit ist stets der zur Geschichte geronnene Vollzug der Gegenwart. Das Nachdenken über die Zukunft des christlichen Europa und des Glaubens ist im Jahr 2013 von derart brennender Aktualität, wie es dramatischer kaum sein könnte. 2013 wird  als das Zwei-Päpste-Jahr in einzigartiger Weise in die Geschichte eingehen. Einzigartig deshalb, weil anders als im späten Mittelalter, als konkurrierende Gegenpäpste sich feindselig gegenüberstanden, und anders als im Jahre 1978, als aufgrund des plötzlichen Todes von Papst Johannes Paul I. innerhalb von wenigen Monaten erneut ein Pontifex der Römischen Kirche gewählt werden mußte, in diesem Jahr 2013 erstmals seit Papst Coelestin V. im Jahre 1294 ein Papst aus eigener freier Wahl den Petrusdienst niederlegt, um der Kirche Gottes als einfacher Beter zu dienen.  
Papst Coelestin V. war 85-jährig nach seiner heftigen Kritik an der Zerstrittenheit des Kardinalskollegiums um die päpstliche und kaiserliche Macht innerhalb der Kirche, und gegen seinen Widerstand gewählt worden und nach nur sechs Monaten vom Petrusdienst zurückgetreten, um angesichts fortdauernder Streitigkeiten wieder ein Leben als Einsiedler zu führen. Zehn Jahre nach seinem Tod wurde er als Pietro del Murrone heilig gesprochen. Reinhold Schneider hat den geistlichen Rückzug Coelestins V. in seinem Drama „Der große Verzicht“ literarisch verarbeitet.
Im Jahr des Gedenkens an das Mailänder Toleranzedikt erleben wir in Europa durch den spektakulären Amtsverzicht Benedikts XVI. und die Wahl von Papst Franziskus als des ersten Pontifex aus einem nichteuropäischen Lands seit 708 einen epochalen Umbruch, den die zumeist oberflächlich berichtenden Medien in Gestalt von wohlfeilen kirchenpolitischen Erwartungen an der Person des neuen Papstes festmachen, dessen geistige Grundlagen jedoch der große Menschenfischer und Paneuropäer aus Polen, Papst Johannes Paul II., und dessen Nachfolger, der Philosophenpapst und Paneuropäer aus Deutschland, Benedikt XVI., gelegt haben.
Nach dem Tod von  Johannes Paul II., dem ersten Slawen auf dem Stuhl Petri, der mit seinen Gebeten den Geist Gottes auf die Erde seiner noch kommunistisch beherrschten Heimat und ganz Mittel- und Osteuropas herabbeschworen hatte und damit die Ketten der Unterdrückung Europas sprengte, der Europa mit beiden Lungenflügeln atmen sehen wollte, der nach der Überwindung des Kommunismus vor den materialistischen Gefahren des Kapitalismus warnte, der die Türen weit aufgerissen hat für die Botschaft Christi und bis in sein Leiden und seinen Tod hinein Millionen, darunter unzählige junge Menschen, auf der ganzen Welt begeisterte, wählten die Kardinäle im Jahr 2005, unter dem machtvollen Einfluß des Heiligen Geistes, einen Intellektuellen und vielleicht den subtilsten Kritiker der Gegenwartskultur wie der gegenwärtigen Kirche zum Nachfolger des Heiligen Petrus. Der Kardinal aus Deutschland hatte 20 Jahre lang als Präfekt der Glaubenskongregation Leben und Wirken von Johannes Paul II. als dessen engster theologischer Berater begleitet.  Dabei hat Joseph Ratzinger die reale Kirche und die Kultur des christlichen Europas stets kritisch mit der Kirche verglichen, wie sie nach dem Willen Jesu idealerweise sein sollte. Seine Wahl zum Nachfolger von Johannes Paul II., die vielen im Nachhinein geradezu zwangsläufig erschienen war, die er selbst jedoch immer als Übergang betrachtet hatte, schuf ein bislang einzigartiges geistliches „Doppelpontifikat“, in dem er die Spuren Johannes Paul II. vertiefen sollte.
Während Johannes Paul II. die Massen mitgerissen hatte, schien Benedikt XVI. für einen Augenblick der christlichen Geschichte innezuhalten, wie um den Christen in Europa und weltweit die Möglichkeit zu geben, die geistigen Grundlagen zu reflektieren, auf denen sie stehen und die sie nicht selten leichtfertig verlassen haben. Die Geste des Superstars ist diesem Papst immer eigentümlich fremd geblieben. Seine Wirkung für Kirche und Welt ist nichtsdestoweniger gewaltig. Der Philosophenpapst, der ebenso wenig auf einen „Papst der Bücher“ reduziert werden kann wie das Christentum auf eine „Buchreligion“, wird in Frankreich wegen seiner intellektuellen Brillanz und seinem Rationalismus wie kaum ein anderer Papst vor ihm und in Polen wegen seiner menschlichen Tiefe und seiner engen geistlichen Freundschaft und Verbundenheit mit Johannes Paul II. wie kein anderer Deutscher geliebt und verehrt. Sein Beitrag zur Annäherung und Versöhnung von Polen und Deutschen kann kaum überschätzt werden. Der schlesische Bischof Alfons Nossol sagte nach der Wahl Josef Ratzingers: „Heute ist der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen“.  Der polnische Staatspräsident Komarowski hatte sogar angeregt, den Besuch Benedikts XVI. in Berlin zu einer großen Geste der deutsch-polnischen Freundschaft zu machen, eine Idee, die von der deutschen Bischofskonferenz leider nicht aufgegriffen wurde. In Deutschland ist dieser Papst – mit Ausnahme seiner bayeri-schen Heimat – von vielen gerade wegen seiner intellektuellen Klarheit als Verteidiger grundlegender christlicher Glaubensinhalte und seiner kämpferischen Auseinandersetzung mit krypto-marxistischen und neuheidnisch-libertären Einflüssen – in Kultur und Medien ebenso wie auch in der Kirche selbst – nicht wirklich angenommen worden, was hierzulande  gleichzeitig den Blick verstellt hat auf das ganz und gar unkonventionelle Denken dieses Papstes. Zugleich ist sein Denken tief eingebettet in die Tradition der Kirche und die Geschichte des christlichen Europa, die ihre Dialektik und ihre Dynamik, das zeigt auch die Jahrhundert-Ausstellung in Paderborn, immer wieder aus dem Spannungsfeld von Geist und Macht, Beharrung und Bewegung, Tradition und Reform, Hierarchie und Charisma bezieht.
Noch vor seiner Wahl hatte Joseph Ratzinger 2005 als Dekan des Kardinalskollegiums in seiner Predigt zur Eröffnung des Konklaves vor der Diktatur des Relativismus gewarnt, die geeignet sei, die tragenden Fundamente unserer christlichen Zivilisation zu zerstören. Das traf mitten ins Herz aller Ideologen und Pragmatiker, welche die Umwertung aller Werte zum Programm erhoben oder stillschweigend geduldet haben, und brachte ihm postwendend den Vorwurf ein, einen Kreuzzug gegen die Moderne zu führen. Das Gegenteil ist der Fall: Benedikt XVI. hat an der Schwelle der Postmoderne existentielle Fragen zur Zukunft Europas und der Welt gestellt und es erfolgreich  unternommen, den christlichen Glauben und seine Folgen für das menschliche und politische Zusammenleben wieder in die Mitte der intellektuellen Debatte Europas zu bringen. Bereits als Kardinal gehörte Josef Ratzinger zu den richtungsweisenden Denkern der Gegenwart und galt als einer der größten christlichen Gelehrten seit Thomas von Aquin. Als Papst hat er seine erste Enzyklika unter den Titel gestellt „Deus caritas est“ – Gott ist die Liebe. Niemals zuvor hat ein Papst so kühn, so einfühlsam und poetisch und zugleich mit so viel Scharfsinn und großer theologischer und philosophischer Klarheit über die menschliche Liebe und ihren wahren Urgrund in Gott geschrieben. Das Thema seines Lehrschreibens führt mitten ins Zentrum des christlichen Glaubens, der nicht eine abstrakte Theorie, eine museale Reminiszenz oder eine philosophische Anleitung zum besseren Leben ist, sondern die persönliche Beziehung und Freundschaft zu Christus als  dem lebendigen Sohn Gottes. Diese persönliche Gottesbeziehung ist es wohl auch, die den Augustinus-Schüler auf dem Stuhl Petri bei seiner Begegnung mit Vertretern der Evangelischen Kirchen während seines letzten Besuches in Deutschland den ehemaligen Augustiner-Mönch Martin Luther wohlwollender würdigen ließ, als dies manche erwartet hatten.
Die Warnung vor einer Diktatur des Relativismus zielte auch auf die bereits von seinem Vorgänger Johannes Paul II. scharf kritisierten Auswüchse des Kapitalismus. Wo ausschließlich das Geld regiert, werden nicht nur Demokratie und Freiheit zerstört, sondern alle menschlichen Werte auf die Frage des Preises nivelliert und der Mensch am Ende einem seelenlosen Moloch geopfert. Das Streben nach Geld und Macht verträgt sich selten mit der „Ökologie des Menschen“ und mit dem Recht, das dem Menschen als göttliches Naturrecht ins Herz geschrieben ist, wie Papst Benedikt XVI. bei seinem letzten Deutschlandbesuch den verdutzten Mitgliedern des Deutschen Bundestages ins Gästebuch schrieb.    
In der Geschichte des christlichen Europa und der christlichen Kirche führt ein langer Weg vom Mailänder Toleranzedikt des Jahres 313 bis zu jener Begegnung zwischen Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. im Winter des Jahres 1077 in Canossa, wo der exkommunizierte Kaiser im Büßergewand vor dem mächtigen Papst das Knie beugte und so die Aussöhnung zwischen Staat und Kirche, weltlicher und geistlicher Macht im Streit um die Einsetzung der Bischöfen im Reich erreichte. Einen ganz anderen Blick auf die Beziehung zwischen Macht und Geist öffnet die Begegnung mit dem barfüßigen Franziskus von Assisi, der im Jahre 1209 Papst Innozenz III., den mächtigsten Kirchenmann und Politiker seiner Zeit, um die Anerkennung seines Ordens der katholischen Armen (Pauperes Christi) bittet. Frühe historische Quellen berichten von einem geheimnisvollen Traum, den der Papst in der Nacht vor der ersten Begegnung mit Franziskus hatte: Er sah einen armen, kleinen Mann, der mit seinen Schultern die zusammenbrechende, prächtige Papstkirche, die Lateranbasilika, stützt und hält. Der Orden der Minderbrüder erhielt die päpstliche Anerkennung und hat seither in seiner radikalen Gottes- und Nächstenliebe die soziale Kultur Europas über 800 Jahre lang geprägt und zur Identität Europas als einem Kontinent der Humanität entscheidend beigetragen. Gerade weil sie nicht die Maßstäbe der Welt an ihr Leben anlegten, haben die Franziskaner die Geschichte Europas mächtiger und wirkungsvoller gestaltet als mancher noch so mächtige Kirchenfürst.
Daß Papst Franziskus als Angehöriger des elitären Jesuitenorden den Namen des Gründers der Minderbrüder angenommen hat, setzt die Forderung nach einer Entweltlichung der Kirche im Sinne Benedikts XVI. programmatisch um.    
Indem Papst Benedikt XVI. im Februar diesen Jahres vom Petrusdienst zurückgetreten ist und damit zugleich – nach irdischen Maßstäben –  das mächtigste Amt der Welt aus eigener freier Wahl an einen Nachfolger weitergegeben hat, hat er in einer Zeit, in der politisch Mächtige weltweit an ihrer Macht kleben wie Fliegen am Honig und für ihren Erhalt selbst den Tod Hunderttausender Menschen in Kauf nehmen, jede irdische Macht wie nie zuvor relativiert. Mehr Entweltlichung von den Maßstäben der Welt ist nicht denkbar. Mit Benedikt XVI. haben Hierarchie und Charisma in geradezu mystischer Weise zueinander gefunden. Die Tat des Philosophenpapstes ist zugleich eine fundamentale „Kritik von oben“ und die Anfrage an die Christen und an die Kirche und ihre Repräsentanten vom Kardinal bis zur Pfarrgemeinderatsvorsitzenden, über Macht und Glaube, über Sicherheit und Unbehaustheit, über Pfründen und persönliche Demut und nicht zuletzt über die persönliche Beziehung zum lebendigen Christus nachzudenken.
Glaube und Vernunft waren von Anfang an das herausragende Thema des Pontifikates von Papst Benedikt XVI., der mit seiner Namensgebung nicht nur dem Heiligen Benedikt von Nursia, dem Vater Europas, sondern auch seinem Namensvorgänger, dem Friedenspapst des Ersten Weltkrieges, Benedikt XV., der gemeinsam mit dem seligen Kaiser Karl I. Initiativen für ein Ende des großen europäischen Bürgerkrieges unternommen hat, die Reverenz erwies.
Der Paneuropäer Joseph Ratzinger, der in persönlichem Kontakt zu Ida Friederike Görres, der Schwester des Paneuropa-Gründers Richard Coudenhove-Kalergi, stand und 1971 das Requiem für die große christliche Schriftstellerin in Freiburg zelebrierte,  hat diese beiden Eckpfeiler der europäischen Kultur anläßlich seiner Predigt bei der Messe zum großen Europatag der Paneuropa-Union 1978 in der Münchner Olympia-Halle skizziert, die er als Erzbischof von München und Freising hielt. Eine Begebenheit aus der Apostelgeschichte aufgreifend, die davon erzählt, daß dem Heiligen Paulus an der Meerenge zwischen Europa und Kleinasien ein Makedonier im Traum erscheint und den Völkerapostel um Hilfe bittet, sagte er: „Der Makedonier steht ... für Europa. Seine Bitte entscheidet die kommende Geschichte. In ihr ruft der Geist der griechischen Welt nach Jesus Christus. ...und so ist Europa geworden, das Europa, in dem wir leben, das Europa, das uns heute ruft. Es beruht auf der Vereinigung von griechischem Geist und christlichem Glauben, auf einer Vernunft, die Sehnsucht geworden ist, im Entbehren ahnt, was ihr fehlt. ... Das Evangelium hat den griechischen Geist aufgenommen, es hat die Vernunft der griechischen Welt in sich einbezogen. Es zerstört die Vernunft nicht, sondern führt sie zu sich selbst. Der Glaube ermöglicht es dem Menschen, vernünftig zu sein. Und umgekehrt macht die Vernunft den Glauben nicht überflüssig, sondern durch ihn empfängt sie den Halt, der sie vor dem Absturz bewahrt und bei sich selbst erhält. ... Dieses Zueinander von Glaube und Vernunft spiegelt sich im Tugendkatalog des heiligen Paulus, und darin werden die wahren Grundlagen Europas sichtbar, die diesem Erdteil seinen besonderen Auftrag und seinen besonderen Rang in der Weltgeschichte gegeben haben. Denn das bedeutet, daß zwischen der Barbarei der maßlosen Vernunft und der Barbarei der blinden Unvernunft, des blinden Aberglaubens, ein neuer Weg eröffnet worden ist.“ Diese Verbindung von griechischer Vernunft und christlichem Glauben hat Richard Graf Coudenhove-Kalergi im Symbol der Paneuropa-Union für das Europa der Gegenwart und der Zukunft sichtbar gemacht: Das Kreuz Christi vor der Sonne Apolls, das visionäre Zeichen, das auch Kaiser Konstantin veranlaßte, sein Schicksal und das Schicksal Europas unter das Kreuz zu stellen.
Entweltlichung, wie sie Benedikt XVI. in Freiburg für die Kirche und die Christen gefordert hat, bedeutet nicht Rückzug aus der Welt. Eine in Glaube und Vernunft gründende Entweltlichung bedeutet vielmehr, an das eigene Leben andere Maßstäbe anzulegen, als sie die Welt nach den Gesetzen von Geld und Macht anlegt, und diese alternativen Maßstäbe für das persönliche, soziale und politische Leben fruchtbar zu machen. Dies ist „das Europa, das uns heute ruft“, wie Joseph Ratzinger gesagt hat.
Papst Franziskus markiert in Stil und Gesten einen Aufbruch in der Kirche, der von seinen Vorgängern grundgelegt worden ist und jenseits des kurzlebigen Medienzirkus eine Kontinuität aufscheinen läßt, die für das christliche Abendland und die Wirkmächtigkeit des christlichen Glaubens in der Welt und für die Welt kennzeichnend ist. In diesem Sinne hat der Papst aus Argentinien, den die Kardinäle nach seinen eigenen Worten vom „Ende der Welt“ geholt haben, der aber aufgrund seiner italienischen Eltern europäischer geprägt ist, als manch einer vermuten mag, sich jüngst bei einer Begegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel für ein „starkes und soziales Europa“ ausgesprochen, das der Welt etwas zu geben hat. Fundament dafür ist das Credo, der gleiche Glaube, der die Päpste des 21. Jahrhunderts, Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus, untereinander ebenso verbindet wie mit dem heiligen Paulus, der Kirche der Heiligen und dem Schicksal Europas.