Der "Speckpater": Helfen statt hassen

von Volker Niggewöhner

In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von Werenfried van Straaten, dem legendären „Speckpater“, zum 100. Mal. Was mit dem Einsatz für die vom Krieg schwer betroffenen Menschen in Deutschland begann, hat sich zu einem internationalen Hilfswerk entwickelt, das heute in 145 Ländern aktiv ist.

Er gehört zu den großen Gestalten der Kirche im 20. Jahrhundert. Der niederländische Prämonstratenserpater Werenfried van Straaten gründete nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Hilfswerk, das bis heute unter dem Namen „Kirche in Not“ Millionen Menschen Trost, tätige Nächstenliebe und konkrete Hilfe bringt. Dabei erwies sich der Ordensmann als Europäer der ersten Stunde und legte mit seinem Werk den Grundstein für ein neues und friedliches Zusammenleben der Völker in Europa. 

Es war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Die deutsche Besatzung der Niederlande und Belgiens war beendet, es begann die Zeit der Vergeltung im Rausch der Befreiung. Diejenigen, die unter der deutschen Herrschaft gelitten hatten, wollten sich an den Landsleuten rächen, die mit dem Feind kollaboriert hatten. Der Papst und andere kirchliche Persönlichkeiten waren besorgt um die Zukunft Europas, das vom Haß zerrissen war; vor allem vom Haß auf die Deutschen. In dieser gefährlichen Situation gründete der junge, 1913 in Mijdrecht in den Niederlanden geborene Prämonstratenser Pater Werenfried van Straaten noch im Kriegsjahr 1944 eine „Anti-Haß-Liga“, deren Mitglieder sich unter anderem verpflichteten, wenigstens einmal am Tag ein kleines Gebet für ihre schlimmsten Feinde zu sprechen. 

Aufgrund der Vereinbarungen der Siegermächte auf der Konferenz von Jalta und im Potsdamer Abkommen erfolgte ab 1945 die Vertreibung von vierzehn Millionen Deutschen aus den Ostgebieten. Die Heimatvertriebenen hausten in Westdeutschland unter menschenunwürdigen Bedingungen in Bunkern oder Lagern, unter ihnen sechs Millionen Katholiken. Pater Werenfried fühlte sich durch das millionenfache Leid der Vertriebenen an die Weihnachtsgeschichte erinnert, als für die Heilige Familie kein Platz in der Herberge war, weil „die Seinen“ keine Liebe hatten. Erneut appellierte der junge Pater an das christliche Gewissen seiner Landsleute und rief zur Feindes- und Nächstenliebe auf. In seinem Artikel „Kein Platz in der Herberge“ für die Weihnachtsausgabe 1947 der Abtei-Zeitschrift in Tongerlo in Belgien bat er seine Landsleute, die noch um ihre von den Deutschen getöteten Verwandten trauerten, um eine Geste der Versöhnung: „Hundert Kilometer ostwärts liegt eine Stadt in Trümmern. Es ist fast nichts mehr davon übrig, nur ein riesenhafter Bunker, wie sie die Deutschen überall gebaut haben, um die Bevölkerung vor den Bomben zu schützen. Die übrig gebliebenen, völlig verarmten Menschen der Stadt hausen in diesem einzigen Bunker. Tausende hocken hier beisammen. Es herrscht ein verpesteter Gestank. Jede Familie – soweit man noch von Familien sprechen kann – liegt zusammengepfercht auf einigen wenigen Quadratmetern Beton. Es gibt weder Feuer noch Wärme, es sei denn die Wärme anderer Körper, woran man sich festklammert ... Und Christus will auch in diesen Menschen leben – es sind übrigens unsere katholischen Brüder – mit Seiner lilienweißen Reinheit, Seiner Nächstenliebe und Güte. Die Hirten haben Christus in einem Stall angebetet, aber diese Leute haben noch nicht einmal einen Stall. Nach menschlichem Ermessen kann Christus dort nicht leben, weil kein Platz für ihn da ist ... Das ist die Not Christi.“

Das Unglaubliche geschah: Die Resonanz auf den Artikel war überwältigend und löste eine Welle der Hilfsbereitschaft unter den Flamen aus. Weil sich unter den Vertriebenen auch 3000 katholische Priester befanden, über die die Hilfe an die Bedürftigen weitergeleitet wurde, gab man der neuen Hilfsorganisation den Namen „Ostpriesterhilfe“. 

Der Name „Werenfried“ bedeutet „Kämpfer für den Frieden“, und er wurde bald Programm. Sein ausgeprägtes Predigttalent und die Fähigkeit, die Herzen der Menschen anzurühren, halfen ihm, die Aktion für die hungernde deutsche Bevölkerung auszudehnen. 1948 veranstaltete er eine Specksammlung unter den flämischen Bauern, die ein riesiger Erfolg wurde und ihm den Spitznamen „Speckpater“ eintrug. 1950 predigte er sogar in der Gemeinde Vinkt, wo die Deutschen zehn Jahre zuvor 86 Bewohner erschossen hatten. Auch von dort konnte er zahlreiche Spenden und die Erkenntnis mitnehmen: „Die Menschen sind viel besser, als wir denken.“ 

Außer in seiner Heimat gab Pater Werenfried seine Erfahrungen auch in anderen Ländern Europas in Predigten und Vorträgen, in Presse und Rundfunk in vielen Sprachen weiter und weckte so Hilfsbereitschaft quer durch den Kontinent. Schweizer, Franzosen, Iren und auch Spanier fühlten sich von den beschwörenden Predigten des wortgewaltigen Ordensmannes angerührt. Als 1952 der 35. Internationale Eucharistische Kongreß in Barcelona stattfand, war auch Pater Werenfried van Straaten dabei. Seine zahlreichen Predigten in den Kirchen der Großstadt legten den Grundstein für die Ausbreitung der „Ostpriesterhilfe“, wie das Werk in den Anfangsjahren noch hieß, auch in Spanien. Bereits 1948 hatte er zum ersten Mal Königstein im Taunus – heute Sitz der internationalen Zentrale von „Kirche in Not“ – besucht und war dort mit Prälat Adolf Kindermann zusammengetroffen, dem Leiter des „Vaterhauses der Vertriebenen“ und der Philosophisch-Theologischen Hochschule. Es entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, die Königstein zum wichtigsten Ort für die Heimatvertriebenen werden ließ. Hier wurden die in der Vertriebenenseelsorge tätigen Rucksackpriester motorisiert, von hier aus wurden die Kapellenwagen – zu fahrenden Kirchen umgebaute Lkw für die Seelsorge in katholischen Diasporagebieten – ausgesandt, hier wurden mit einem Gymnasium und dem Priesterseminar für die Vertriebenen aus dem Osten auch die Weichen für die Zukunft gestellt.

Werenfried van Straaten war ein Mann, der es verstand, die Zeichen der Zeit zu erkennen, und der stets gesamteuropäisch dachte. Schon früh war ihm klar, daß Europa eine Schicksalsgemeinschaft ist, die nur durch die Rückbesinnung auf ihr christliches Fundament eine Überlebenschance hat. Er hatte begriffen, daß es in Europa nie Frieden und Versöhnung geben würde, wenn der Haß in den Herzen der Menschen nicht beseitigt würde: „Wir alle fahren auf einem Schiff, und dieses Schiff heißt Europa! Wir Ausländer fahren noch in der Luxuskabine, die Deutschen im Zwischendeck oder gar unten im Schiffsraum. Aber das alles ist gleichgültig, wenn das Schiff leck ist. Und das Schiff Europa ist leck. Da heißt es, die Ärmel hochkrempeln und pumpen, sonst gehen wir alle unter, ganz gleich, wo wir stehen.“ Otto von Habsburg, langjähriger Präsident der Internationalen Paneuropa-Union, hat ihn daher als „Baumeister eines einigen und christlichen Europas“ bezeichnet. 

Ab 1952 fanden in Königstein auch die Kongresse „Kirche in Not“ statt. Sie waren ein einzigartiges europaweites Diskuss-ionsforum über die brennenden Fragen der katholischen Kirche und schärften durch die Teilnahme von Vertretern aus Ländern des Ostblocks den Blick für die Not der verfolgten Kirche hinter dem Eisernen Vorhang. Pater Werenfried besaß ein „hörendes Herz“ und verstand die erschütternden Berichte der Kongreßteilnehmer über übelste Menschenrechtsverletzungen durch das Sowjetregime und seine Satellitenstaaten als persönlichen Anruf Gottes an ihn. Schon 1952 begann die Hilfsaktion für die verfolgte Kirche in Ostmittel- und Osteuropa, die fortan einen Schwerpunkt der Arbeit des Werkes bildete. 

Erneut appellierte er an die Nächsten- und Feindesliebe seiner Wohltäter. Hatten in der Anfangszeit des Werkes die Flamen ihre Taschen und Herzen für den „Feind von gestern“ geöffnet, so waren es jetzt die Deutschen, die in der Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders Ähnliches vollbrachten. So mancher Ehering, Anzug oder sonstige Erinnerungsstücke an verstorbene oder vermißte Verwandte wurden damals zu Geld gemacht, um den unterdrückten Christen in den kommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas zu helfen. Viele von ihnen waren Länder, aus denen die Deutschen vertrieben worden waren. 

Als 1956 der Ungarische Aufstand ausbrach, fuhr Pater Werenfried in einem Konvoi mit Hilfslieferungen unter Lebensgefahr nach Ungarn. In Budapest traf er als einer der ersten mit dem Primas von Ungarn, József Kardinal Mindszenty, zusammen und versprach ihm jede erdenkliche Hilfe. Auch daraus entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Oft hatte Werenfried in der Zeit der umstrittenen vatikanischen Ostpolitik über die ungarische Kirche und ihren Primas gepredigt und beklagt, daß dieser „wie ein Tauschobjekt der Ostpolitik den Illusionen der Diplomaten geopfert wurde, als er aus Gehorsam sein Vaterland verlassen
mußte und er zum Schluß seines Hirtenamtes enthoben wurde“. 

Sein Gespür für die Nöte der Zeit bewies Werenfried van Straaten auch bei der Gründung des Bauordens zur Linderung der Wohnungsnot nach dem Krieg. Im Bauorden arbeiteten seit 1953 Bautrupps von je 20 bis 25 jungen Männern, um Siedlungen für Bedürftige zu errichten, die keine Eigenleistung erbringen konnten. Die Idee dazu kam ihm bei einer Begegnung mit einem kleinen Mädchen in einem Flüchtlingslager. Er gab ihr ein Heiligenbildchen und sagte: „Das mußt du zuhause aufhängen, an der Wand.“ „Wir haben keine Wand, Herr Pater“, antwortete sie. „Da habe ich begriffen“, so Pater Werenfried in seinen Erinnerungen, „wenn das so weitergeht, gibt es bald keine katholische Kirche mehr.“ Auch der Bauorden wurde ein großer europaweiter Erfolg. Bereits 1960 arbeitete er mit sechzigtausend Baugesellen. 

Pater Werenfried verstand sein Hilfswerk als „Schule der Liebe“, sich selbst als Seelsorger seiner Wohltäter, die er in Deutschland seit 1958 achtmal jährlich durch seinen Rundbrief „Echo der Liebe“ über die Kirche in Not informierte. Er besaß ein unerschütterliches Gottvertrauen, weshalb er Hilfen oft schon versprach, ohne die notwendigen Mittel dafür zu besitzen. Seine einfache Erklärung: „Wenn Gott von mir verlangt, daß ich eine Not lindere, muß ich es tun, und Er, der mir das in mein Herz gelegt hat, wird mich dann nicht im Stich lassen.“ Und tatsächlich konnte er am Ende seines Lebens sagen: „So oft habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie wahr das Evangelium ist. Gott ließ mich nie im Stich; er half mir immer. Er gab mir immer, worum ich ihn bat.“ 

So geschah es beinahe zwangsläufig, daß das Werk wuchs. Denn „Kirche in Not“, das waren nicht nur die verfolgten und bedrängten Christen im Machtbereich des Kommunismus. Das war auch die materiell notleidende Kirche in Afrika, Asien und Lateinamerika. 1959 begegnete er Mutter Teresa in Kalkutta und machte ihr Wirken in Europa bekannt, 1962 begann er auf Bitten von Papst Johannes XXIII. mit der Hilfe für die Kirche in Lateinamerika, 1966 gründete er mit den „Töchtern der Auferstehung“ sogar einen Orden in Afrika, immer beseelt von dem Gedanken, die Liebe wiederherzustellen und die Tränen der Menschen dort zu trocknen, „wo Gott weint“. Bald schon war das Hilfswerk „Ostpriesterhilfe“, das 1969 seinen Namen in „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ ergänzte, weltweit tätig, im Jahr 2011 in 145 Ländern. 

Der Zusammenbruch des Kommunismus, den Pater Werenfried immer vorausgesagt hatte, gehörte zu den schönsten Erfahrungen seines Lebens, brachte aber auch neue Herausforderungen. In vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks, von deren Machthabern er kurz zuvor noch als „letzter General des Kalten Krieges“ diffamiert worden war, konnte er jetzt frei auf Plätzen und in Fernsehübertragungen zu den Menschen sprechen. 1992 betete er in Moskau bei einer Wachablösung vor dem Lenin-Mausoleum öffentlich den Rosenkranz. Diese Szene wirkte wie die Bestätigung seiner oft geäußerten Überzeugung: „Der Kommunismus ist nicht ewig. Er wird verschwinden, wie jede Schreckensherrschaft verschwunden ist. Einmal wird das Maß der Prüfungen voll sein. Dann wird der Allmächtige sein Wort sprechen in Moskau und Peking, die Mauern umstürzen, die Eisernen Vorhänge zerreißen und wieder eine offene Tür zum Osten geben.“ Ab 1992 half Werenfried auf Bitten von Papst Johannes Paul II. und gegen viele Widerstände auch der russisch-orthodoxen Kirche. Für ihn, der sein Werk im Herzen der Botschaft von Fatima verankert wußte, war dies die letzte große Aufgabe, die er als „die letzte und größte Freude meines Lebens“ bezeichnete. 

Bei allem Einsatz für Osteuropa und die sogenannte Dritte Welt hat Pater Werenfried nie übersehen, daß auch bei uns im Westen die Kirche in Not ist. Die Untreue vieler Priester und Theologen gegenüber dem Papst, der fortschreitende Sittenverfall, der millionenfache Mord am ungeborenen Leben, das weitgehende Verschwinden der christlichen Erziehung, der immer weiter verbreitete religiöse Analphabetismus – alles das hat Pater Werenfried als schwere Bedrohung für das Gottesreich und für Europa erkannt. So hat er sich auch unermüdlich für die Wieder- und Neuevangelisierung des Westens eingesetzt. Diesen Weg versuchen seine Nachfolger im Werk weiter zu gehen. Die von „Kirche in Not“ produzierten Radio- und Fernsehsendungen, die zahlreichen kreativen Schriften und Materialien zur Glaubensweitergabe und –vertiefung, die Aussendung eines Beichtmobils zur Werbung für das Sakrament der Versöhnung, die vielbeachteten internationalen Kongresse „Treffpunkt Weltkirche“ und viele weitere Veranstaltungen verfolgen letztlich alle das eine Ziel, die Menschen wieder zu Gott zu führen und für eine lebenswerte Kultur in Europa und der ganzen Welt einzutreten. 

Am 31. Januar 2003 ist Pater Werenfried van Straaten, genau zwei Wochen nach seinem 90. Geburtstag, in seinem Wohnort Bad Soden bei Königstein im Taunus gestorben. Joachim Kardinal Meisner würdigte ihn als „Gigant des Reiches Gottes“, der „der Kirche zu einem neuen Aufbruch nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verholfen und ihr neue Wege gewiesen [hat], die sie bis dahin nicht gegangen war“. In den „Geistlichen Richtlinien“ hat Werenfried van Straaten seinen Mitarbeitern und Freunden von „Kirche in Not“ eine Richtschnur für die Zukunft hinterlassen: „Nur wenn wir in der geistlichen Verwirrung, deren Ende noch nicht abzusehen ist, den Gläubigen Klarheit, Sicherheit, Trost und Mut geben, werden jene, die Gott suchen, uns mit überraschender Opferbereitschaft helfen, das Werk, das uns von der Kirche anvertraut worden ist, fortzusetzen.“