Bis hierher und weiter

von Dirk Hermann Voß

Seit ihrer Gründung 1922 hat die Paneuropa-Bewegung den Kampf der europäischen Völker um politische Einheit in Frieden und Freiheit und gegen den Totalitarismus von rechts und links maßgeblich mitgestaltet. Ihre internationalen Präsidenten, Richard Coudenhove-Kalergi, Otto von Habsburg und Alain Terrenoire, sind aufgrund ihrer persönlichen Geschichte und ihres glaubwürdigen Zeugnisses Symbol und Motor der Paneuropa-Idee, die heute aktueller denn je ist.

In Politik und Geschichte sind es stets die Ideen, die den Grund für die großen Entwicklungen und Umbrüche legen. Immer sind es wenige, oft einzelne Persönlichkeiten, die aus einer Idee eine Vision formulieren, die von der Mehrheit lange Zeit abgelehnt oder gar verlacht wird, aber schließlich zur politischen Realität heranreift. Der große spanische Philosoph José Ortega y Gasset, der Autor des Weltbestsellers „Aufstand der Massen“, hat dieses Phänomen in Bezug auf die politische Einigung Europas am Beispiel der Nationalstaaten formuliert: „Ehe die Nationen eine gemeinsame Vergangenheit haben konnten, mußten sie diese Gemeinsamkeit schaffen. Und ehe sie diese schufen, mußten sie diese träumen, wollen, planen.“
In den neunzig Jahren ihrer Geschichte, die zugleich neun Jahrzehnte des Ringens um die politische Einheit Europas und ihre konkrete Gestaltung darstellen, hatte die Paneuropa-Union insgesamt drei Präsidenten. Als herausragende Persönlichkeiten waren und sind sie zugleich Symbol und Motor der Idee: Richard Graf Coudenhove-Kalergi, Otto von Habsburg und Alain Terrenoire.
Alle drei Persönlichkeiten stehen für die Vision von einem großen, ungeteilten Eu-ropa, das seine Rolle als Führungskraft und Friedensmacht in einer multipolaren Welt wahrnimmt, für die Idee der politischen und persönlichen Freiheit und des Friedens, die jede Form von Totalitarismus ablehnt, und für ein Menschenbild, das tief in der jüdisch-christlichen Denk- und Glaubens-Tradition unseres Kontinents und ihrem Verständnis von persönlicher Verantwortung und gegenseitiger Solidarität wurzelt.  
Richard Coudenhove-Kalergi publizierte seine Vision eines politisch und wirtschaftlich vereinten Europa erstmals in dem Artikel „Paneuropa – ein Vorschlag“, der am 15. November 1922 in der Vossischen Zeitung in Berlin und zwei Tage später in der Wiener Zeitung „Neue Freie Presse“ erscheint. 1923 schreibt er auf Schloß Würting in Oberösterreich sein programmatisches Buch „Pan-Europa“, dessen Inhalt die europäische Geschichte nachhaltig prägen wird.
„Dieses Buch ist bestimmt, eine große politische Bewegung zu wecken, die in allen Völkern Europas schlummert. Viele Menschen erträumen ein einiges Europa; aber wenige sind entschlossen, es zu schaffen.
... Die einzige Kraft, die Paneuropa verwirklichen kann, ist: der Wille der Europäer; die einzige Kraft, die Paneuropa aufhalten kann, ist: der Wille der Europäer. So liegt in der Hand eines jeden Europäers ein Teil des Schicksals seiner Welt“, formuliert Coudenhove im Vorwort. Er ist überzeugt, daß der überall spürbare Niedergang Europas keine biologischen, sondern ausschließlich politische Ursachen hat: „Nicht die Völker Europas sind senil, sondern nur ihr politisches System. Dessen radikale Änderung kann und muß zur vollen Heilung des kranken Erdteiles führen.“ Coudenhove fordert – für die damalige Zeit revolutionär – als „Überlebensstrategie“ den politischen und wirtschaftlichen Zusammenschluß Europas. Lange vor dem Zweiten Weltkrieg warnt er in seinen Schriften vor dem Zukunftskrieg: Danach werde eine „künstliche Linie Europa teilen, in eine russische Kolonie und ein amerikanisches Protektorat“.  Im April 1924 erscheint die erste Ausgabe der Zeitschrift „Paneuropa“ als offizielles Organ der Paneuropa-Union. Im Oktober 1926 beruft Coudenhove-Kalergi den ersten Paneuropa-Kongreß nach Wien ein, zu dem
2 000 Teilnehmer aus 24 Nationen kommen. Coudenhove-Kalergi wird per Akklamation zum ersten Präsidenten der Paneuropa-Union gewählt. Der Visionär eines neuen Europa begeistert die großen Intellektuellen, Schriftsteller und politischen Denker der Zwischenkriegszeit für seine Idee: Paul Claudel, Maximilian Harden, Stefan Zweig, Gerhart Hauptmann, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, zeitweise die Brüder Heinrich und Thomas Mann, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Albert Einstein, die Philosophen José Ortega y Gasset und Salvador de Madariaga,  die österreichischen Bundeskanzler Ignaz Seipel und Karl Renner, der Unternehmer Robert Bosch, der Reichstagspräsident der Weimarer Republik Paul Löbe, der junge Oberbürgermeister von Köln und spätere deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Wiener Student und spätere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky schließen sich der Paneuropa-Idee an. 1927 gewinnt Coudenhove-Kalergi Europas angesehensten Staatsmann, den französischen Außenminister Aristide Briand, als Ehrenpräsident der Paneuropa-Union, der auf Drängen Coudenhoves am 5. September 1929 vor dem Völkerbund den Vorschlag zur Schaffung einer Föderation der europäischen Staaten unterbreitet.   
Wer ist dieser Mann, der die Großen seiner Zeit für seine Paneuropa-Idee vereinnahmt und als einzelner mehr bewegt hat als manche Staatsmänner seiner Epoche?
Sein politisches Denken ist von Kindheit an geprägt durch die Ideen der Toleranz, der Vielfalt und des Friedens. Richard Graf Coudenhove-Kalergi wird am 17. November 1894 in Tokio als Sohn von Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi und der Japanerin Mitsuko Aoyama geboren. Heinrich Coudenhove-Kalergi hatte seine Frau während seiner Zeit als Diplomat an der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft in Japan kennengelernt. Mit etwa eineinhalb Jahren kam Richard Coudenhove-Kalergi nach Europa und wuchs im westböhmischen Schloß Ronsperg, nahe der bayerischen Grenze, auf, nachdem sein Vater aus dem diplomatischen Dienst des österreichischen Kaisers ausgeschieden war. Auf dem Schloß lebten die ungarische Gesellschafterin der Mutter, englische und französische Gouvernanten, ein österreichischer Hofmeister und der bayerische Privatsekretär seines Vaters. Dazu kamen tschechische Angestellte, ein russischer Lehrer sowie ein muslimischer Albaner, der Heinrich in türkischer Sprache unterrichtete, ein indischer Gelehrter und häufg der Rabbiner von Pilsen. Richard ministrierte jeden Sonntag mit seinen Brüdern bei der katholischen Messe, die der  tschechische Pfarrer von Ronsperg, Alois Simeth, in der Schloßkapelle zelebrierte. Der Gründer der Paneuropa-Union wuchs an der Schnittstelle zwischen der deutschen und der slawischen Welt in einer Atmosphäre des Kosmopolitismus, der Internationalität, der Vielsprachigkeit und der Gelehrsamkeit auf, die weder religiöse noch nationale Intoleranz kannte oder duldete. Ihren Vater Heinrich nehmen die Geschwister als Europäer wahr: „Unsere Mutter verkörperte für uns Asien, unser Vater Europa. Es wäre uns schwergefallen, ihn mit irgendeiner Nation zu identifizieren. So war in unseren Augen Europa stets eine selbstverständliche Einheit, das Land unseres Vaters“, erinnert sich Coudenhove in seinen Memoiren. Seine Familie legt die Wurzel für sein politisches Verständnis: Durch den Gegensatz zwischen der vielsprachigen und toleranten Welt auf Schloß Ronsperg und dem zunehmenden Nationalismus außerhalb sowie durch die Belehrungen des Vaters, so beschreibt Coudenhove-Kalergi selbst die Ausbildung seines politischen Denkens, „kamen wir frühzeitig auf den Verdacht, daß die sogenannten nationalen Erbfeindschaften letzten Endes auf  Unwissenheit beruhen, auf Vorurteil und Volksbetrug.“   
Nationalistische Vorurteile und Volksbetrug werden Anfang der dreißiger Jahre zu den Todfeinden Paneuropas. Bereits im Oktober 1929 hat sich die politische Lage dramatisch verändert: durch den Tod von Reichskanzler Gustav Stresemann, der die Briand-Initiative unterstützt hatte, und durch die hereinbrechende Weltwirtschaftskrise. Beim dritten internationalen Kongreß der Paneuropa-Union im Oktober 1932 in Basel betont Coudenhove-Kalergi zum wiederholten Male seine kompromißlose Ablehnung Hitlers und Stalins: „Stalin bereitet den Bürgerkrieg vor – Hitler den Völkerkrieg“, sagt und schreibt Coudenhove-Kalergi öffentlich. Das kostet ihn Anhänger auf beiden Seiten, die sich entweder von Hitler oder von Stalin die Rettung Europas erwarten. Sein 1931 erschienenes Werk „Stalin & Co.“ und das 1937 publizierte Buch „Totaler Staat – totaler Mensch“ sind die philosophische und politische Abrechnung Coudenhoves mit den beiden großen totalitären Bewegungen des Jahrhunderts.  Seinen letzten öffentlichen Vortrag in Berlin hält er am 30. Januar 1933, dem Tag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Noch im selben Jahr wird in ganz Deutschland jegliche Paneuropa-Literatur verboten. Die deutsche Industrie stoppt ihre finanzielle Unterstützung für die Paneuropa-Union,  viele schlagen sich auf die Seite Hitlers. Unmittelbar nach dem „Anschluß“ Österreichs wird die Paneuropa-Zentrale in der Wiener Hofburg besetzt und Materialien, Bücher und Korrespondenz verschleppt. Deutschlands „Austritt aus Europa“, wie Coudenhove die Machtergreifung der Nationalsozialisten bezeichnet, wird nicht der letzte Rückschlag für die Paneuropa-Idee sein, aber einer der nachhaltigsten. Nach diesem Experiment liegt Europa in Trümmern.
Coudenhove verlagert nach dem Anschluß seine Aktivitäten in die Schweiz und nach Paris, wo er den österreichischen Kronprinzen Otto kennenlernt. 1940 muß der Paneuropa-Präsident vor den vorrückenden Truppen Hitlers über Frankreich, Spanien und Portugal nach New York fliehen. In den USA setzt sich Coudenhove-Kalergi dafür ein, „Paneuropa als Kriegsziel des Westens“ zu deklarieren. Mit Otto von Habsburg, der von 1940 bis 1944, ebenfalls auf der Flucht vor den Nazis, in Washington lebt, arbeitet Coudenhove-Kalergi zugunsten Österreichs, bei humanitären Hilfsaktionen, in der Südtirol-Frage und für Paneuropa zusammen. 1946 kehrt er nach Europa zurück. Am 14. September 1947 trifft er Winston Churchill zu einem Mittagessen, der wenige Tage später in seiner berühmten Züricher Rede die Europäer auffordert: „Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa aufbauen.“ Churchill würdigt die Bedeutung Coudenhoves und der Paneuropa-Union mit den Worten: „Es ist auf dieses Ziel hin von der Paneuropäischen Union viel getan worden, und diese Union verdankt dem Grafen Coudenhove-Kalergi sowie dem berühmten französischen Patrioten und Staatsmann Aristide Briand so vieles ...“. Die Wirkung der Rede des britischen Premiers ist gewaltig. Mit einem Schlag ist die im Krieg verschollen geglaubte Paneuropa-Idee wieder in allen Leitartikeln und in aller Munde. 1950 verleiht die Stadt Aachen dem Vater der Paneuropa-Union ihren ersten Internationalen Karlspreis.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden zwei Themen für die Paneuropa-Arbeit bestimmend: die Konfrontation mit dem im Krieg erstarkten Kommunismus und der Einsatz für die Befreiung der Völker Mittel- und Osteuropas sowie die immer tiefere wirtschaftliche und politische Einheit der Staaten des freien Europa. Bereits 1947 gründet Coudenhove Kalergi die Europäische Parlamentarier-Union (EPU) als die erste europäische Plattform für frei gewählte Parlamentarier. Die Arbeit der EPU und der sogenannte Interlaken-Plan geben den Anstoß zur Gründung des Europarates und seiner Ausstattung mit einer parlamentarischen Versammlung. Zum ersten Mal nach tausend Jahren der Zersplitterung ist Europa wieder von einem nur geographischen zu einem politischen Begriff geworden. Die EPU wird 1952 der Europäischen Bewegung eingegliedert, deren Ehrenpräsident Coudenhove-Kalergi neben Konrad Adenauer, Winston Churchill, Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Paul-Henri Spaak wird. Obwohl er die Gründung des Europarates für einen Meilenstein hält, setzt Coudenhove-Kalergi in dieser Zeit für Europa auf die Kraft der Regierungen in Paris, Bonn und Rom. Wie de Gaulle und im engen persönlichen Austausch mit ihm gelangt er zu der Überzeugung, daß das politisch vereinte Europa nicht aus dem Europarat, sondern aus der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich hervorgehen wird. Über die Frage, ob de Gaulles und Adenauers Vorschlag eines europäischen Staatenbundes, der Fouchet-Plan, den europäischen Bundesstaat vorbereitet oder verhindert, spalten sich die Europa-Bewegungen. Die Paneuropa-Union stellt sich bei ihrem 9. Internationalen Kongreß in Nizza eindeutig auf die Seite de Gaulles. Nachdem die Europa-Union im französischen Präsidentschaftswahlkampf 1965 dem kommunistischen Gegenkandidaten de Gaulles Gelegenheit zur Profilierung gibt, tritt Coudenhove-Kalergi vom Ehrenpräsidium der Europäischen Bewegung zurück, und es kommt zum Bruch zwischen Paneuropa-Union und Europa-Union. Coudenhove konzentriert sich auf den Wiederaufbau der Paneuropa-Union, den er zusammen mit seinem Internationalen Generalsekretär und Freund, dem aus Italien stammenden langjährigen Berater der EG-Kommission Vittorio Pons, vorantreibt. Am 27. Juli 1972 stirbt der Vater der Europäischen Einigungsidee, Richard Coudenhove-Kalergi, im vorarlbergischen Schruns. Der langjährige Weggefährte Vittorio Pons setzt sich mit der Überzeugung durch, daß die eigentlichen Aufgaben der Paneuropa-Bewegung noch vor ihr liegen, und trägt das Erbe Coudenhove-Kalergis erfolgreich in die Zukunft.  
Auf Vorschlag des französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou wird 1973 Coudenhoves Mitstreiter im amerikanischen Exil, Otto von Habsburg, der bereits seit 1957 dem Zentralrat der Paneuropa-Union angehörte und einer der Vizepräsidenten Coudenhoves war, zum neuen Internationalen Präsidenten der Bewegung gewählt. Otto von Habsburg hat als Kind den Zusammenbruch der alten Ordnung in Europa hautnah erlebt. Sein Vater, Kaiser Karl I., der inzwischen von Papst Johannes Paul II. zur Ehre der Altäre erhoben wurde, hatte mitten im Krieg die Regentschaft übernommen und noch mit dem Mut des Verzweifelten versucht, den ersten europäischen Bürgerkrieg zu beenden.  Otto ist als junger Mensch Zeuge des Aufstiegs von Nationalsozialismus und Kommunismus in Europa geworden, den Nutznießern des Ersten Weltkriegs.  Er verbindet in seiner Person die übernationale Reichidee der Habsburger mit dem modernen Konzeption von Paneuropa und ist ein Glücksfall für die Bewegung. In der ideologischen Auseinandersetzung mit der sich immer bedrohlicher gebärdenden Sowjetunion stellt Otto von Habsburg den Kampf für die Befreiung der Völker Mittel- und Osteuropas und die gesellschaftspolitischen Grundlagen der Freiheit und des Menschenbildes für Europa in den Mittelpunkt der Arbeit der Paneuropa-Union. Die „Vier Punkte“ Großeuropäisch, Christlich, Freiheitlich und Sozial geben der Paneuropa-Union als politischer Bewegung ein unverwechselbares Profil. Mit dem Motto „Paneuropa ist ganz Europa“ zieht die Paneuropa-Union 1979  in die Kampagne zur ersten Direktwahl des Europäischen Parlamentes, für das der Internationale Paneuropa-Präsident Seite an Seite mit dem Präsidenten der Paneuropa-Union Deutschland, Alfons Goppel, auf der Liste der Christlich-Sozialen Union erfolgreich kandidiert.
Zuvor hat sich der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, der bereits als Student in der Vorkriegszeit der Paneuropa-Bewegung angehörte, persönlich für die Kandidatur Otto von Habsburgs eingesetzt, die von der europäischen Linken massiv bekämpft wird. Die Paneuropa-Union veranstaltet in der Münchner Olympia-Halle einen christlichen Bekenntnistag für Europa, zu dem 15 000 Menschen in die bayerische Landeshauptstadt kommen. Der Münchner Erzbischof Josef Kardinal Ratzinger hält vor über 6 000 Menschen den Eröffnungsgottesdienst. Die Direktwahl zum Europäischen Parlament am 10. Juni 1979, bei der neben Otto von Habsburg mit  Alfons Goppel, Ingo Friedrich, Ursula Schleicher, Renate-Charlotte Rabbethge und Adam Fergusson eine ganze Reihe weiterer aktiver Paneuropäer in die Straßburger Volksversammlung gewählt werden, wird erneut zu einem Meilenstein für die Paneuropa-Bewegung. Die Alterspräsidentin des Parlamentes, die französische Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Louise Weiss, nach der heute das Hauptgebäude des Parlamentes in Straßburg benannt ist, begrüßt den Paneuropa-Präsidenten namentlich, als sie in ihrer Eröffnungsrede an die Gründerväter Europas erinnert: „Kommen Sie herein, Richard Coudenhove-Kalergi. Nachfolger ihres Paneuropa ist in dieser Versammlung ein Prinz von Habsburg.“
Im Parlament beginnen die Abgeordneten aus den Reihen der Paneuropa-Union Punkt für Punkt die Ideen umzusetzen, die sie zuvor mit einer kleinen Gruppe aktiver junger Paneuropäer als Wahlprogramm erarbeitet hatten: Schaffung eines Europapasses, einer Europafahne und einer Europahymne als Symbolen des europäischen Patriotismus, Beseitigung der Grenzkontrollen an den Binnengrenzen und die Errichtung eines leeren Stuhls als Demonstration für das Selbstbestimmungsrecht der Völker hinter dem Eisernen Vorhang. Der Habsburg-Bericht im Europäischen Parlament mit der Forderung, die sowjetische Unterdrückung der Baltischen Staaten vor den Dekolonisierungs-Unterausschuß der UNO zu bringen, die Menschenrechtsarbeit, die Unterstützung von Freiheitsbewegungen wie „Charta 77“ in der Tschechoslowakei und „Solidarność“ in Polen, der Kampf für europaweiten Lebensschutz und christliche Werte sowie der Einsatz für ein europäisches Volksgruppenrecht und ein weltweit friedensstiftender interreligiöser Dialog werden zu Markenzeichen der Paneu-ropa-Bewegung. Ab Mitte der achtziger Jahre intensiviert die Paneuropa-Union, die stets enge Kontakte zu kroatischen, bulgarischen, ukrainischen, tschechischen, slowakischen, polnischen, ungarischen, baltischen oder rumänischen Exilkreisen gehalten hatte, unter Führung des jetzigen deutschen Paneuropa-Präsidenten Bernd Posselt, die direkten persönlichen Verbindungen zum Untergrund in den kommunistisch beherrschten Staaten Europas. Am 19. August 1989 markiert das Paneuropäische Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron/Ödenburg den beginnenden Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft über Mittel- und Osteuropa. Schirmherr dieses Freiheitsfestes ist Otto von Habsburg. Seine Tochter Walburga ist gemeinsam mit vielen Paneuropäern vor Ort. Am 9. November 1989 fällt die Mauer in Berlin. Fünf  Tage zuvor ist Otto von Habsburg Hauptredner beim Bundeskongreß der Paneuropa-Jugend Deutschland im Berliner Reichstagsgebäude. Begleitet von Bernd Posselt, Walburga von Habsburg und Dirk Voß nimmt der internationale Paneuropa-Präsident, unbehelligt von den DDR-Grenzposten, mit hunderttausenden DDR-Bürgern an der Großdemonstration gegen das kommunistische Regime auf dem Ostberliner Alexander-Platz teil und wird freundlich begrüßt.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist Otto von Habsburg unermüdlich in den Ländern Mittel- und Osteuropas unterwegs, um die jungen demokratischen Regierungen bei der Gestaltung einer neuen Ordnung zu unterstützen. Vom 7. bis 9. Dezember 1990 findet die erste Internationale Generalversammlung der Paneuropa-Union nach der Befreiung Mittel- und Osteuropas in Prag statt, mit 400 Teilnehmern aus 26 Nationen. Die Paneuropa-Union dringt auf eine rasche Anerkennung der Unabhängigkeit von Kroatien und Slowenien, wobei es durch intensive Arbeit gelingt, besonders Skeptiker in Frankreich, Italien und anderen EU-Ländern zu überzeugen. Die Paneuropa-Union fordert die rasche Erweiterung der Europäischen Union nach Osten und baut in rascher Folge arbeitsfähige Organisationen in den Ländern Mittel- und Osteuropas auf. Zugleich kämpft sie  für  eine Verbesserung der Arbeitsweise der europäischen Institutionen, die einer größeren und nach Mittel- und Osteuropa erweiterten Europäischen Union gerecht werden müssen, mehr Kompetenzen für das Europäische Parlament und die Ausgestaltung einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Konvent zur Ausarbeitung eines Europäischen Verfassungsvertrages übergibt die Paneuropa-Union dessen Präsidenten, Valéry Giscard d’Estaing konkrete Vorschläge, die zum größten Teil Eingang in den Verfassungsentwurf und den späteren Lissabonner Vertrag der Europäischen Union finden.    
Im Dezember 2004 wählt die internationale Generalversammlung der Paneuropa-Union in Straßburg den französischen Politiker Alain Terrenoire zum dritten Internationalen Präsidenten in ihrer Geschichte. Otto von Habsburg hat den Vorsitz nach mehr als drei Jahrzehnten im 93. Lebensjahr niedergelegt und den bisherigen Präsidenten der Paneuropa-Union Frankreich als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Einstimmig wählen die 200 Delegierten aus 23 Nationen den langjährigen Abgeordneten des Europäischen Parlamentes, der Französischen Nationalversammlung und des Regionalrates der Normandie, den sein Vorgänger als eine Persönlichkeit vorgestellt hatte, die „einer der großen politischen Familien Frankreichs entstammt“ und der paneuropäischen Arbeit Kontinuität und neue Dynamik verleihen werde. Wie schon zuvor Coudenhove-Kalergi und Otto von Habsburg ist Alain Terrenoire gewissermaßen ein „geborener Paneuropäer“.Bereits sein Großvater und Vater hatten eng mit dem Paneuropa-Gründer Coudenhove zusammengearbeitet. Sein Vater, Louis Terrenoire, gehörte als Generalsekretär der Resistance zum engsten Zirkel des französischen Widerstandes gegen Hitler, der sich um General de Gaulle gebildet hatte, wurde von der Gestapo gefoltert und war bis 1945 als politischer Häftling im KZ Dachau interniert. Nach dem zweiten Weltkrieg gründete er im Auftrag de Gaulles die von den Nationalsozialisten zerschlagene Paneuropa-Union Frankreich wieder neu und bereitete zusammen mit ihm den Deutsch-Französischen Vertrag von 1963 vor, der die deutsch-französische Aussöhnung krönte und institutionalisierte. Sein engster Mitstreiter dabei war sein Sohn Alain. Dieser, promovierter Jurist und nach seiner parlamentarischen Arbeit mehrere Jahre als Vorstand eines großen französischen Unternehmens international tätig, steht wie seine Vorgänger in der Tradition des Kampfes gegen jede Form des Totalitarismus.  In seine Amtszeit als Paneuropa-Präsident fällt die Konsolidierung der EU-Erweiterung um Estland, Lettland, Litauen, Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und Zypern im Jahre 2004, die Erweiterung um Rumänien und Bulgarien im Jahre 2007 und der massive politische Einsatz der Paneuropa-Union für den Beitritt Kroatiens zur Europäischen Union, der 2013 Wirklichkeit wird. Alain Terrenoire ist unermüdlich im größeren Europa unterwegs und kümmert sich persönlich um die Mitgliedsorganisationen der Paneuropa-Union in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Besonders die politische Zukunft der europäischen Völker und Länder, die noch nicht zum politisch verfaßten Europa der Europäischen Union gehören, wie Albaner, Mazedonier, Montenegriner, Serben,  Ukrainer, Weißrussen und die europäischen Landsleute in Bosnien-Herzegowina, sind dem Paneuropa-Präsidenten ein Herzensanliegen. Unter seiner Präsidentschaft engagiert sich die Paneuropa-Union als einflußreiche Nicht-Regierungsorganisation aktiv in der politischen Auseinandersetzung um die Weiterentwicklung und Ausgestaltung der europäischen Institutionen, die im Vertrag von Lissabon angelegt ist. Dabei setzt Präsident Terrenoire vor allem auf das Instrument der vom österreichischen Europaabgeordneten Paul Rübig geführten Paneuropa-Parlamentariergruppe im Europäischen Parlament, die über 100 Abgeordnete zählt, sowie auf die freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem elsässischen Paneuropäer Joseph Daul, dem Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei. Die deutsch-französische Freundschaft ist für Präsident Terrenoire, der mit seiner deutschen Frau Edith drei Kinder hat, auch in Zukunft „ein unverzichtbarer, wenn auch nicht der einzige Pfeiler des europäischen Hauses.“ Kurz nach seiner Wahl zum Paneuropa-Präsidenten umschreibt Alain Terrenoire die zukünftige Aufgabe der Paneuropa Union so: „Es ist an der Zeit, daß die Europäer sich dazu entschließen, Europa zu einer souveränen Macht auszubauen, die die Eigenarten ihrer Völker respektiert und zugleich mittels der Technologien des 21. Jahrhunderts selbst ihre Unabhängigkeit und Sicherheit gewährleistet; ohne Hegemonie-Ansprüche und in einem Geist universaler Solidarität. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, daß Paneuropa bei der Weiterentwicklung des europäischen Projektes auch weiterhin die Avantgarde sein wird. Ich glaube, daß wir auf diese Weise dem außergewöhnlichen Werk und Erbe von Coudenhove Kalergi und Otto von Habsburg am besten die Treue halten.“ An dieser Überzeugung hat sich auch im neunzigten Jahr der Paneuropa-Union nichts geändert.        ■